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TV-Kritik: Anne Will : Ist die Grippe gefährlicher als die Dschihadisten?

TV-Moderatorin Anne Will Bild: dpa

Bei Anne Will wird über islamistischen Terror, Sicherheitsmaßnahmen des Staates und die Freiheiten der Bürger diskutiert. Das ist so wirr, dass es wie Satire wirkt.

          Es gibt Talkshows, die einen aufregen. Es gibt Talkshows, bei denen schläft man ein. Es gibt Talkshows, die einen schlauer machen, eine Debatte zuspitzen, Wahrheit transportieren, Erkenntnis fördern. Und dann gibt es solche Ausgaben der abendlichen Rederunden, bei denen man sich am Ende fragt: Was war denn das?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Anne-Will-Ausgabe an diesem Mittwoch war eine solche Ratlosigkeitsveranstaltung. Die Moderatorin und ihre vier Gäste: ratlos. Das Publikum im Studio: so ratlos, dass es nur anderthalb Mal zaghaft klatschte. Und als Zuschauer vor dem Schirm war man es auch: ratlos.

          Hat die Terrorbekämpfung „fast was Lustiges“?

          Das Thema „Kampf dem islamistischen Terror – Wie weit darf der Staat gehen?“ mag derlei Ratlosigkeit provozieren, weil es dabei immer wieder um eine unklare Faktenlage geht und man meint, Terrorbekämpfung sei am Ende eine Glaubensfrage: Wie sicher glauben wir zu sein? Welche Maßnahmen, glauben wir, seien angemessen, erforderlich und fair und schränken nicht die Freiheit ein? Wem glauben wir überhaupt? Der Politik, der Polizei, dem Geheimdienst, den Datenschützern, den Bürgerrechtsaktivisten oder den Whistleblowern? Das ist Ratlosigkeitsfaktor Nummer eins. Den zweiten bildeten bei Anne Will diesmal die Damen (sie eingeschlossen) und Herren auf dem Podium. Die waren allesamt nicht gerade groß in Form.

          Peter Neumann zum Beispiel, Terrorismus-Experte vom King's College in London, kam kaum zu Wort und vermochte binnen einer Stunde weniger von seiner Expertise rüberzubringen als sonst in einem seiner Kurzinterviews in den Nachrichtensendungen. Das begann schon mit Anne Wills Eingangsfrage nach den vielen Überwachungskameras in Großbritannien, die gleich zu einem Vergleich nationaler Befindlichkeiten führte: Was stört die Briten, was die Deutschen? Es lag aber auch daran, dass die Schriftstellerin und Überwachungskritikerin Juli Zeh weit unter ihren Möglichkeiten blieb. Sie sagte irgendwann so Sachen wie, bei uns sei die Gefahr viel größer, bei einem Verkehrsunfall zu sterben als durch einen Terroranschlag. Und wie viele Menschen durch die Grippe oder unter der Dusche erst ihr Leben lassen! Die Art und Weise, wie der Anschlag der Sauerland-Gruppe verhindert wurde, hat für sie angesichts der involvierten V-Leute schließlich „fast was Lustiges“.

          Bosbachs „altägyptische Grabbeilage“

          Immerhin konnte Peter Neumann dazwischen schieben, dass der dschihadistische Terror zum Ziel hat, tausende Menschen zu töten und die Debatte etwas anders verliefe, wenn der jüngste Anschlagsversuch in einem französischen Schnellzug nicht vereitelt worden wäre, und das Ausmaß des Terrors sich nicht allein an der Zahl der Opfer (in Europa), sondern auch daran bemisst, dass es den Attentätern darum geht, Staat und Gesellschaft zu zerstören. Neumann bat um eine „realistische Einschätzung“ der Gefahr.

          Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach spulte derweil sein Standardprogramm ab, war jovial und unterhaltsam wie stets (sein Steinzeit-Handy hielten manche seiner Kollegen für eine „altägyptische Grabbeilage“), und meinte – sehr zu Recht –, dass Deutschland sehr viel Glück gehabt habe, dass die in den letzten Jahren geplanten und durchgeführten Anschläge nicht zu einem Blutbad führten.

          So ging es hin und her, ab und an schaltete sich die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP mit Hinweisen zur angeblich unzulänglichen Gesetzgebung ein, die – wie das neue BKA-Gesetz – vom Europäischen Gerichtshof wieder einkassiert werde. Kurzum: Die Debatte war von einer Fahrigkeit und einem Unernst geprägt (zum Schluss kramte Bosbach Unterlagen heraus zu Sicherheitsstudien, die er unbedingt widerlegen wollte, wofür dann aber leider keine Zeit mehr war), die dem Thema nicht angemessen sind und sogar hinter der Vorlage des klugen Fernsehfilms „Unterm Radar“ zurückblieben, der im Ersten vor Anne Wills Talkshow lief und das Dilemma zwischen Sicherheitsstreben und Freiheitsrechten auf einen differenzierten Nenner brachte.

          Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

          Doch bis dato läuft die Debatte zu diesem Thema nicht nur bei Anne Will wie so viele andere in unserem Land nach dem Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Prinzip: Wir entrüsten uns über die Amerikaner und deren Geheimdienste, sind für deren sachdienliche Hinweise zu Terrornetzwerken aber insgeheim sehr dankbar und spionieren via BND Alliierte und Verbündete im Zweifel genauso aus, wie wir es uns von Amerikanern, Briten und Franzosen verbitten, über deren Sicherheitsstandards und Abhörmethoden wir, wie gesagt, die Nase rümpfen.

          Ändern wird sich die Meinungslage wahrscheinlich erst, wenn passiert, was nicht geschehen soll und es den Sicherheitsbehörden einmal nicht gelingt, einen Terroranschlag zu verhindern. Wie schnell die Deutschen ihre Ansichten ändern, sehen wir im Augenblick ja anhand der Flüchtlingskrise.

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