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TV-Kritik: Anne Will : Gute Schweizer sind schlechte Menschen

Anne Will Bild: dpa

Die Schweiz, ihre Ausländer und Europa sind auch Thema in der Sendung von Anne Will. Doch ihre Runde produziert mehr Gesinnung als politische Klarheit. Keiner weiß, wie es weiter geht.

          2 Min.

          Er kam als erster unter Beschuss: Weil Roger Köppel, der die Positionen der Schweizerischen Volkspartei in Deutschland weitgehend im Alleingang vertritt, schon im Deutschen Fernsehen gewesen war, kam bei Anne Will sein Kolumnist (bei der „Weltwoche“) zum Zug, der kürzlich von der Universität Zürich entlassene Professor für Medizingeschichte Christoph Mörgeli. Mörgeli ist Nationalrat seiner Partei und auch ihr Programmchef, also so etwas wie ein Chefideologe. Er musste die ersten Fragen von Anne Will beantworten, dann kamen der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn und Markus Spillmann, Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), zu Wort. Wie ein helvetischer Winkelried schien Mörgeli die Spitzen der rhetorischen Speere auf sich zu ziehen. Tapfer verteidigte er seine Leute und auch Christoph Blocher, als dieser als Brandstifter bezeichnet wurde: „Das Volk schadet sich nicht.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Es sah zunächst sehr einseitig aus. Doch die Redaktion hatte Mörgeli, der gerne in die Geschichte ausschweifte, auch eine Gesinnungsgenossin zur Seite gestellt, Frauke Petry, Sprecherin der Alternative für Deutschland. Sie wiederum wollte die Gesinnungsfrage der Moderatorin über die Zahl der Einwanderer in der Schweiz nicht beantworten und wurde darob von Gesine Schwan in ein sprödes Duell verwickelt: Politiker, die Fragen an sie als richtig oder falsch einstufen, neigen zu Totalitarismus.

          Duett der politischen Vernunft

          Gesine Schwan gab in dieser Runde das gute Gewissen. Dass die Initiative gegen die Masseneinwanderung in den ländlichen Gebieten mit den wenigsten Ausländern die höchste Zustimmung fand kommentierte sie mit dem Hinweis auf den Antisemitismus, der in Gegenden ohne Juden bekanntlich am höchsten sei. Spillmann und Asselborn spielten das Duett der politischen Vernunft, wobei der NZZ-Chefredakteur sehr, sehr schweigsam blieb und der Luxemburger den hohen Ausländeranteil seines Landes lobte: „45 Prozent, und ohne sie würden wir gar nicht mehr existieren“.

          Asselborn lobte Schengen und die Personenfreizügigkeit. Er zählte auf, was die Schweiz so alles Europa verdankt und machte auch deutlich, was jetzt alles auf dem Spiel steht – insbesondere Erasmus. Als der Außenminister zu Mörgeli sagte, dass es sich nicht lohne, mit ihm „Zeit zu verlieren“, konnte das der nächtliche Zuschauer auch als Motto für die ganze Sendung verstehen. Mitternacht war längst vorbei.

          Zucker im Tee

          Etwas verzweifelt versuchte Anne Will die Tragweite des Schweizer Volksentscheid für Europa zu erörtern: Gibt sie den Rechtspopulisten Auftrieb?

          Sie haben sich überall über die Schweiz gefreut, aber das war schon bei der Minarett-Abstimmung so. Ob sie aber deswegen gestärkt werden? Mörgeli verniedlichte die primitiven Abstimmungsplakate der SVP und lobte die Grenzen, über die sich jedes Land definiere. Ohne sie löse sich die Schweiz auf wie ein Stück Zucker im Tee. Das Bild ist von Dürrenmatt, den Mörgeli nicht zitierte und der es in ganz anderem Zusammenhang prägte. Die deutschen Sender werden ihm auch in Zukunft Roger Köppel vorziehen.

          Christoph Blocher

          Frauke Petry geriet in die Defensive, weil mehrmals Textstellen aus ihrem Programm eingeblendet wurde, die zu dementieren sie sich bemühte. Aus einem  „Entwurf“ seien sie, erklärte Petry, als es um den „menschenwürdigen Lebensstandard“ für Ausländer und Einwanderer ging. Aber man sah ihr längst mehr auf die (vom Regisseur ins Bild gerückten) Beine, als dass man ihr zuhörte. Der luxemburgische Außenminister plädierte gegen Schluss kraft seiner vielen Auslandsreisen für weniger Egoismus und mehr Teilen. „Für alles andere gibt es Lösungen“. Ohne mehr Generosität und Offenheit werde Europa mit seiner in der ganzen Welt einmaligen Personenfreizügigkeit nicht überleben. Dem Aufruf kann man zustimmen. Er verstärkt allerdings nochmals den etwas ungerechten Eindruck, den die Sendung erweckte: Dass die guten Schweizer ihrer Volkspartei schlechte Menschen sind.

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