https://www.faz.net/-gsb-80apv

TV-Kritik: Anne Will : Fifty Shades of Griechenland

Zur Griechenland-Expertin geworden: Moderatorin Anne Will Bild: dpa

In der Beziehung zwischen Griechen und Euro-Partnern herrscht mehr Frust als Lust. Kann man sich überhaupt noch vertrauen, fragte Anne Will ihre Gäste. Aber zuerst muss sie klären: Wer knebelt hier eigentlich wen?

          3 Min.

          Ein reicher, dominanter Gönner, der sich auf eine schöne, aber ziemlich mittellose Partnerin einlässt und mit ihr eine leidenschaftlich-schmerzhafte Beziehung beginnt. Das ist der Stoff des Bestsellers „Fifty Shades of Grey“, dessen Verfilmung gerade die Kinosäle füllt.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Wer am Mittwoch zu später Stunde Anne Will und ihren Talkshow-Gästen zugehört hat, der konnte bei dieser Konstellation aber auch an Griechenland und die nicht weniger Schmerzen erzeugende Beziehung zu den übrigen Euroländern denken. So wurde bei Will die Frage diskutiert, wer in dieser Beziehung eigentlich wen knebelt: die Griechen ihre reichen Gläubiger oder die Gläubiger die Griechen? Gibt es überhaupt noch eine Vertrauensbasis oder droht bald die Trennung? Und sogar Liebesbekundungen gab es in der Sendung.

          Bosbach macht es spannend

          Zwei Tage vor der Abstimmung im Bundestag über die Verlängerung der Griechenland-Hilfen für weitere vier Monate war Wills Themenwahl nicht gerade originell. Aber eine gewisse Spannung erwuchs im Vorfeld schon daraus, dass mit Wolfgang Bosbach der Mann in der Runde saß, der kurz zuvor angekündigt hatte, am Freitag gegen die Verlängerung der Hilfen – und damit gegen die große Mehrheit seiner CDU-Fraktion – zu stimmen. Wird er deshalb sogar aus dem Bundestag ausscheiden? Diese Frage stellte Will dem Vorsitzenden des Innenausschusses erst ganz am Ende der durchaus munteren Sendung. Vorher musste sich Bosbach, der den früheren Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) an seiner Seite wusste, mit der linken SPD-Abgeordneten Hilde Mattheis und dem griechischen Sonderbotschafter für europäische Wirtschaftsfragen, Jorgo Chatzimarkakis, auseinandersetzen.

          Mattheis brachte das Knebelthema auf den Tisch. „Wir haben die Griechen geknebelt ohne Sinn und Verstand“, behauptete die Vorsitzende des Forums Demokratische Linke 21 und meinte damit die mit Reformauflagen verbundenen Hilfszahlungen für die Griechen. Für die Sozialdemokratin ist klar, dass „Sparen, Sparen Sparen“ keine Lösung für das Land ist und man dem neuen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras einen Vertrauensvorschuss (sprich: noch mehr Zeit und Geld) geben muss, will man noch größere Schmerzen für die Bevölkerung vermeiden.

          Toxisches Geld für Griechenland

          Auch Sonderbotschafter Chatzimarkakis sprach ganz im Duktus der neuen griechischen Regierung von „toxischem“ Geld, dass die nördlichen Euroländer nach Griechenland überwiesen hätten und über das sich Banken und superreiche griechische Oligarchen natürlich gefreut hätten. Am Ende sei die Schuldenlast so schwer geworden, dass sie nur durch immer weitere Streckung der Rückzahlung überhaupt noch zu tragen sei.

          Fesseln, Maskieren, Bestrafen - Vokabular aus der Bondage-Szene erreicht die Politik

          Die Kredite und Garantien, für die zu einem guten Teil auch deutsche Steuerzahler geradestehen, sollen Schuld an der desolaten Situation in Griechenland sein? Da platzte den Unions-Männern Bosbach und Friedrich der Kragen. „Wir haben Griechenland nicht geknebelt, Frau Mattheis!“, sagte Bosbach und nannte Länder wie Portugal und Irland, die trotz – oder gerade wegen – gezielter Sparmaßnahmen wieder auf einen grünen Zweig gekommen seien.  Kein Land zahle mehr als Deutschland in den Solidarausgleich der Europäischen Union, also solle niemand sage, Deutschland  leiste nicht seinen Beitrag, so der zwischenzeitig aufgebrachte Bosbach. Griechenland habe insgesamt 240 Milliarden Euro erhalten. „Da kann man doch nicht sagen, dass es an Solidarität fehlt“, sagte der Politiker.

          "Reformen oder Drachme"

          Und Friedrich, der stellvertretende Unionsfraktionschef im Bundestag, der im Gegensatz zu Bosbach seinen Glauben an eine Griechenland-Rettung noch nicht ganz aufgegeben hat und am Freitag für die Verlängerung stimmen will, stellte klar: Die Regierung in Athen werde nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten gemessen. „Dafür kriegen sie jetzt vier Monate Zeit. Und in vier Monaten machen wir den Strich drunter. Und dann sehen wir: Entweder Reformen, Erfolg auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit, oder die Drachme“, so Friedrich. Einen kleinen Liebesbeweis schickte der Bayer zu Finanzminister Wolfgang Schäuble. Tsipras vertraue er minimal, Schäuble, der die Reformfortschritte mit überwache, dagegen maximal.

          Sonderbotschafter Chatzimarkakis offenbarte seine Gefühle dagegen für einen ganz anderen Politiker. EU-Kommissions-Chef Jean-Claude Juncker bezeichnete er als „einen der letzten wahren Europäer“, weil er Tsipras zur Seite gestanden ihm geholfen habe, einen tragbaren Kompromiss zu finden.

          Zerstörtes Vertrauen

          Während Chatzimarkakis für Vertrauen warb und die zuletzt widersprüchlichen Aussagen griechischer Politiker – Finanzminister Giannis Varoufakis hatte am Mittwoch überraschend wieder von einem Schuldenschnitt gesprochen – damit erklärte, dass die Regierung eben auch Zuhause in Griechenland punkten müsse, wurde deutlich, dass bei Bosbach kein bisschen Vertrauen mehr übrig ist. Zu viele Jahre habe er aus Athen die immer gleichen Versprechen gehört, gegen Korruption und Steuerhinterziehung vorzugehen. Warum sollten den Worten nun Taten folgen? Er könne nicht verstehen, wie Tsipras eine 0:1-Niederlage zuhause nun als einen 5:0-Sieg verkaufe. Dass es am Ende zur Trennung von Griechenland und den übrigen Euroländern kommen könnte, wollte Bosbach nicht ausschließen. 

          Und gibt es auch eine ganz persönliche Trennung von Bosbach und seiner Bundestagsfraktion? Der Politiker machte klar, wie schmerzhaft für ihn der Spagat sei, bei Fragen der Griechenland-Hilfen entweder gegen die eigene Überzeugung oder gegen die eigene Fraktion samt Kanzlerin stimmen zu müssen. „Für mich ist entscheidend, morgens in den Spiegel schauen zu können“, sagte Bosbach. Er wisse, dass viele in seiner Kollegen ähnlich denken wie er, aber dennoch anders abstimmten, um Ärger zu vermeiden. Ob daraus für ihn die ganz persönliche Trennung folgen wird, konnte ihm auch Anne Will nicht entlocken. In vier Monaten will sich Bosbach entscheiden – spätestens dann braucht Griechenland aller Voraussicht nach frisches Geld. „Ihnen sage ich es dann zuerst, Frau Will“, sagte der CDU-Abgeordnete, „aber das habe ich allen versprochen.“

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Offensive in Nordsyrien : Erdogan verspottet Trump

          Der türkische Präsident verspottet nicht nur den deutschen Außenminister Maas, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Trump für dessen Tweets. Verwirrung gab es über ein Treffen mit Vizepräsident Pence und Außenminister Pompeo in Ankara.
          Das Twitter-Fenster ist auch im Beruf bei vielen geöffnet.

          Die Karrierefrage : Was darf ich bei der Arbeit twittern?

          Von Trump bis zum einfachen Angestellten: Viele twittern während der Arbeit – und über sie. Das kann günstige Werbung sein oder ein PR-Albtraum. Chefs können wenig reinreden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.