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TV-Kritik: Anne Will : Fifty Shades of Griechenland

Zur Griechenland-Expertin geworden: Moderatorin Anne Will Bild: dpa

In der Beziehung zwischen Griechen und Euro-Partnern herrscht mehr Frust als Lust. Kann man sich überhaupt noch vertrauen, fragte Anne Will ihre Gäste. Aber zuerst muss sie klären: Wer knebelt hier eigentlich wen?

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          Ein reicher, dominanter Gönner, der sich auf eine schöne, aber ziemlich mittellose Partnerin einlässt und mit ihr eine leidenschaftlich-schmerzhafte Beziehung beginnt. Das ist der Stoff des Bestsellers „Fifty Shades of Grey“, dessen Verfilmung gerade die Kinosäle füllt.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Wer am Mittwoch zu später Stunde Anne Will und ihren Talkshow-Gästen zugehört hat, der konnte bei dieser Konstellation aber auch an Griechenland und die nicht weniger Schmerzen erzeugende Beziehung zu den übrigen Euroländern denken. So wurde bei Will die Frage diskutiert, wer in dieser Beziehung eigentlich wen knebelt: die Griechen ihre reichen Gläubiger oder die Gläubiger die Griechen? Gibt es überhaupt noch eine Vertrauensbasis oder droht bald die Trennung? Und sogar Liebesbekundungen gab es in der Sendung.

          Bosbach macht es spannend

          Zwei Tage vor der Abstimmung im Bundestag über die Verlängerung der Griechenland-Hilfen für weitere vier Monate war Wills Themenwahl nicht gerade originell. Aber eine gewisse Spannung erwuchs im Vorfeld schon daraus, dass mit Wolfgang Bosbach der Mann in der Runde saß, der kurz zuvor angekündigt hatte, am Freitag gegen die Verlängerung der Hilfen – und damit gegen die große Mehrheit seiner CDU-Fraktion – zu stimmen. Wird er deshalb sogar aus dem Bundestag ausscheiden? Diese Frage stellte Will dem Vorsitzenden des Innenausschusses erst ganz am Ende der durchaus munteren Sendung. Vorher musste sich Bosbach, der den früheren Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) an seiner Seite wusste, mit der linken SPD-Abgeordneten Hilde Mattheis und dem griechischen Sonderbotschafter für europäische Wirtschaftsfragen, Jorgo Chatzimarkakis, auseinandersetzen.

          Mattheis brachte das Knebelthema auf den Tisch. „Wir haben die Griechen geknebelt ohne Sinn und Verstand“, behauptete die Vorsitzende des Forums Demokratische Linke 21 und meinte damit die mit Reformauflagen verbundenen Hilfszahlungen für die Griechen. Für die Sozialdemokratin ist klar, dass „Sparen, Sparen Sparen“ keine Lösung für das Land ist und man dem neuen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras einen Vertrauensvorschuss (sprich: noch mehr Zeit und Geld) geben muss, will man noch größere Schmerzen für die Bevölkerung vermeiden.

          Toxisches Geld für Griechenland

          Auch Sonderbotschafter Chatzimarkakis sprach ganz im Duktus der neuen griechischen Regierung von „toxischem“ Geld, dass die nördlichen Euroländer nach Griechenland überwiesen hätten und über das sich Banken und superreiche griechische Oligarchen natürlich gefreut hätten. Am Ende sei die Schuldenlast so schwer geworden, dass sie nur durch immer weitere Streckung der Rückzahlung überhaupt noch zu tragen sei.

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          Die Kredite und Garantien, für die zu einem guten Teil auch deutsche Steuerzahler geradestehen, sollen Schuld an der desolaten Situation in Griechenland sein? Da platzte den Unions-Männern Bosbach und Friedrich der Kragen. „Wir haben Griechenland nicht geknebelt, Frau Mattheis!“, sagte Bosbach und nannte Länder wie Portugal und Irland, die trotz – oder gerade wegen – gezielter Sparmaßnahmen wieder auf einen grünen Zweig gekommen seien.  Kein Land zahle mehr als Deutschland in den Solidarausgleich der Europäischen Union, also solle niemand sage, Deutschland  leiste nicht seinen Beitrag, so der zwischenzeitig aufgebrachte Bosbach. Griechenland habe insgesamt 240 Milliarden Euro erhalten. „Da kann man doch nicht sagen, dass es an Solidarität fehlt“, sagte der Politiker.

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