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TV-Kritik: Anne Will : Fifty Shades of Griechenland

"Reformen oder Drachme"

Und Friedrich, der stellvertretende Unionsfraktionschef im Bundestag, der im Gegensatz zu Bosbach seinen Glauben an eine Griechenland-Rettung noch nicht ganz aufgegeben hat und am Freitag für die Verlängerung stimmen will, stellte klar: Die Regierung in Athen werde nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten gemessen. „Dafür kriegen sie jetzt vier Monate Zeit. Und in vier Monaten machen wir den Strich drunter. Und dann sehen wir: Entweder Reformen, Erfolg auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit, oder die Drachme“, so Friedrich. Einen kleinen Liebesbeweis schickte der Bayer zu Finanzminister Wolfgang Schäuble. Tsipras vertraue er minimal, Schäuble, der die Reformfortschritte mit überwache, dagegen maximal.

Sonderbotschafter Chatzimarkakis offenbarte seine Gefühle dagegen für einen ganz anderen Politiker. EU-Kommissions-Chef Jean-Claude Juncker bezeichnete er als „einen der letzten wahren Europäer“, weil er Tsipras zur Seite gestanden ihm geholfen habe, einen tragbaren Kompromiss zu finden.

Zerstörtes Vertrauen

Während Chatzimarkakis für Vertrauen warb und die zuletzt widersprüchlichen Aussagen griechischer Politiker – Finanzminister Giannis Varoufakis hatte am Mittwoch überraschend wieder von einem Schuldenschnitt gesprochen – damit erklärte, dass die Regierung eben auch Zuhause in Griechenland punkten müsse, wurde deutlich, dass bei Bosbach kein bisschen Vertrauen mehr übrig ist. Zu viele Jahre habe er aus Athen die immer gleichen Versprechen gehört, gegen Korruption und Steuerhinterziehung vorzugehen. Warum sollten den Worten nun Taten folgen? Er könne nicht verstehen, wie Tsipras eine 0:1-Niederlage zuhause nun als einen 5:0-Sieg verkaufe. Dass es am Ende zur Trennung von Griechenland und den übrigen Euroländern kommen könnte, wollte Bosbach nicht ausschließen. 

Und gibt es auch eine ganz persönliche Trennung von Bosbach und seiner Bundestagsfraktion? Der Politiker machte klar, wie schmerzhaft für ihn der Spagat sei, bei Fragen der Griechenland-Hilfen entweder gegen die eigene Überzeugung oder gegen die eigene Fraktion samt Kanzlerin stimmen zu müssen. „Für mich ist entscheidend, morgens in den Spiegel schauen zu können“, sagte Bosbach. Er wisse, dass viele in seiner Kollegen ähnlich denken wie er, aber dennoch anders abstimmten, um Ärger zu vermeiden. Ob daraus für ihn die ganz persönliche Trennung folgen wird, konnte ihm auch Anne Will nicht entlocken. In vier Monaten will sich Bosbach entscheiden – spätestens dann braucht Griechenland aller Voraussicht nach frisches Geld. „Ihnen sage ich es dann zuerst, Frau Will“, sagte der CDU-Abgeordnete, „aber das habe ich allen versprochen.“

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