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TV-Kritik: Anne Will : Europas Verfallsphase hat längst begonnen

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Anne Will (rechts) diskutiert mit ihren Gästen über Europas Zukunft. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Europa erlebte am Sonntagabend ein Wechselbad der Gefühle. Zuerst wurde es in Wien gerettet, um anschließend in Rom wieder kurz vor dem Untergang zu stehen. Dazwischen ging es bei Anne Will um die Frage, warum die EU so verletzlich wurde.

          Immerhin hat Brüssel noch nicht die Schließung der Wahllokale europäisch vereinheitlicht. Ansonsten wäre dem Zuschauer am Sonntag ein interessantes Schauspiel entgangen. Um 17:00 Uhr schlossen in Österreich die Wahllokale und kurz darauf stand der Sieger fest: Überraschend deutlich gewann der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen gegen Norbert Hofer (FPÖ). Van der Bellen wird der nächste Hausherr in der Wiener Hofburg. In Europa, so war zu lesen, fielen an diesem späten Nachmittag Steine von den Herzen. Um 23:00 Uhr endete in Italien das Referendum zur Verfassungsreform mit einer deutlichen Niederlage der Regierung um Ministerpräsident Matteo Renzi (Partito Democratico). Er kündigte in einer mitternächtlichen Pressekonferenz seinen Rücktritt an. Somit werden in Europa noch genügend Steine auf dem Herzen übrig geblieben sein. Europa war um 17:00 Uhr gerettet, während es um 23:00 Uhr wieder vor dem Untergang stand.

          Dazwischen lief Anne Will. Sie fand den entsprechenden Titel zum europäischen Wechselbad der Gefühle: „Europa auf der Klippe – Welche Werte einen uns noch?“ Ein Begriff fiel gestern Abend nicht, obwohl er ansonsten in keiner europäischen Sonntagsrede fehlen darf: Subsidiarität. In einem solchen Europa käme nämlich niemand auf die Idee, dass eine Bundespräsidentenwahl und eine Verfassungsreform zu Abstimmungen über die europäische Zukunft werden könnten. Lediglich Dirk Schümer, Europa-Korrespondent der „Welt“, formulierte seine Verwunderung über diesen an sich erstaunlichen Sachverhalt. Er fand aber zugleich eine Antwort. Seit dem Ausbruch der Eurokrise wäre „die Europäische Union auf dem Rückzug und in der Verfallsphase“, so Schümer. Es konnte vor allem seine Versprechen nicht einhalten. Schümer nannte als Beispiel die italienische Provinz Kalabrien, wo die jungen Menschen schon lange jede Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer trostlosen Lage verloren hätten. Dafür interessierte sich aber kaum jemand, vor allem nicht in Deutschland. Europa ist zwar in aller Munde, so war Schümer zu verstehen, endet aber im Bewusstsein der Menschen immer noch an den nationalen Grenzen.

          „Das Gefühl, dass Europa ihnen nicht hilft“

          Nun könnte man Schümer mit guten Gründen fragen, ob die Lage in Kalabrien seit der Gründung des modernen Italien im Jahr 1861 schon einmal anders als trostlos zu nennen gewesen ist. Aber offensichtlich verband sich einmal mit der Europäischen Union die Hoffnung auf eine solche Veränderung, die aber bis dahin noch nicht einmal der italienische Zentralstaat zu erfüllen vermochte. Ursula von der Leyen, Bundesverteidigungsministerin und stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende, machte einen interessanten Einwand. Sie erwähnte den deutschen Mangel an  Auszubildenden und die entsprechenden Programme, etwa jungen Italienern eine Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen. Übrigens gab es diese europäische Binnenwanderung in den 1950er und 1960er Jahren als viele Süditaliener als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Damals sogar ohne EU, europäische Freizügigkeit und Brüsseler Förderprogramme. Das hatte einen einfachen Grund. Ungelernte fanden in der deutschen Industrie sofort einen Job mit einem vergleichsweise hohen Einkommen. Diese gibt es aber nicht mehr.

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