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TV-Kritik: Anne Will : Europa schrumpft sich auf Erdogan-Maß

Anne Will im Gespräch mit SPD-Politiker Martin Schulz und Selmin Caliskan, der Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Ist der Preis für weniger Flüchtlinge in Europa zu hoch? Kommt Merkel einem Despoten zu weit entgegen? Die große Mehrheit sagt: So ist es. Und lügt sich dabei, wie man bei Anne Will sehen konnte, in die Tasche.

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          Achtzig Prozent der Deutschen sagen, Angela Merkel nehme zu viel Rücksicht auf den türkischen Präsidenten Erdogan. Mit dieser Umfrage-Erkenntnis geht es los bei Anne Will. Achtzig Prozent gegen die Bundeskanzlerin? Als Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich im Talkshow-Fernsehen war, ging es auch um achtzig Prozent. Achtzig, wenn nicht gar neunzig Prozent der Unionsanhänger, sagte die saarländische Ministerpräsidentin, stünden hinter der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Achtzig Prozent hier, achtzig Prozent da? Macht hundertsechzig Prozent. Da kann doch etwas nicht stimmen. Es sei denn, wir haben es mit einer hochprozentigen Schizophrenie zu tun, wie sie in diesem Land bei politischen Fragen nicht selten anzutreffen ist und wie sie die Politik und die öffentliche Meinung in der Europäischen Union inzwischen auszeichnet: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Halt mir die Flüchtlinge vom Leib, dafür drücke ich bei allem anderen die Augen zu, entrüste mich aber gerne darüber, dass die Bundesregierung sich ebenso verhält.

          Wie hoch darf der Preis denn sein?

          Das ist die Antwort auf die Frage, die Anne Will an diesem Abend stellt: „Abhängig von Erdogan – Zu hoher Preis für weniger Flüchtlinge?“ Wir hören den deutlichen und ehrlichen Befund erst ganz am Ende, in leicht abgewandelter Form, von Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments. Davor geht es ans Eingemachte nach einer vorhersehbaren Choreographie.

          Kanzleramtsminister Peter Altmaier muss sich, wie seit Wochen schon, winden und winden, um das Appeasement der Bundesregierung zu erklären. Was konkret heißt: Er muss irgendwie plausibel machen, warum Angela Merkel in der Türkei am Samstag ein Flüchtlingslager besucht und den türkischen Ministerpräsidenten getroffen hat, nicht aber Oppositionelle und auch nicht den Journalisten Can Dündar, der wegen vermeintlichen Geheimnisverrats und angeblicher Terror-Unterstützung vor Gericht steht und in einem offenen Brief einen dramatischen Appell an die Bundeskanzlerin gerichtet hat, für Freiheit und Menschenrechte in der Türkei einzutreten.

          Solche Treffen hätte die Bundeskanzlerin unbedingt einrichten müssen, sagt Selmin Caliskan, die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland. Cem Özdemir von den Grünen, der weiß, dass schöne Gesten sich vor der Kamera vielleicht gut machen, aber noch keine Politik sind, ist etwas konzilianter und hätte es schon gut gefunden, wenn sich Angela Merkel wenigstens am Rande, für zehn Minuten im Hotel, mit Vertretern der Opposition getroffen hätte.

          Der AKP-Mann hält alle Kritiker für Straftäter

          Damit wiederum hätte sie in den Augen des AKP-Politikers Mustafa Yeneroglu den nächsten Frevel begangen, sich so arrogant und belehrend verhalten, wie das die Europäer den Türken gegenüber generell zu tun pflegten. Für Yeneroglu handelt es sich auch gar nicht um Oppositionelle oder Journalisten, sondern um Straftäter: Can Dünar ist ein Straftäter, und auch die niederländische Journalistin Ebru Umar, die die türkische Polizei am Wochenende festgesetzt und dann wieder freigelassen hat, ist eine Straftäterin, weil – so der AKP-Politiker - sie den Präsidenten beleidigt hat.

          An dieser Stelle kommt Yeneroglu mit dem unvermeidlichen Böhmermann-Zitat, was unterstreicht, wie hilfreich das Schmähgedicht aus dem „Neo Magazin Royale“ für die Erdogan-Apologeten doch ist. Für sie bestätigt es alle Klischees über die freie, westliche Gesellschaft, in der es nur vordergründig um Meinungsfreiheit, insgeheim aber darum gehe, Erdogan und alle Türken und alle Muslime zu beleidigen.

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