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TV-Kritik: „Anne Will“ : Ein Sozialmodell namens Entsolidarisierung

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Anne Will diskutierte am Mittwoch mit ihren Gästen über die Streiks der Piloten und Lokführer Bild: dpa

Wer ist nicht genervt von den Streiks der Lokführer und Piloten? Wahrscheinlich die Busfahrer. Man sollte einmal über deren Arbeitsbedingungen reden.

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          Streiks sind selten populär. Vor allem dann, wenn die Auswirkungen für viele Menschen direkt zu spüren sind. Das betrifft etwa die Abfallwirtschaft, wenn Mülltonnen nicht mehr geleert werden, oder Kindertagesstätten, wenn Eltern vor den geschlossenen Türen ihrer Kitas stehen. Insofern ist die fehlende Popularität der jüngsten Arbeitsniederlegungen bei der Deutschen Bahn oder der Lufthansa wenig erstaunlich. Das trifft umso mehr zu, wenn die Ziele dieser Arbeitskämpfe für viele Beobachter nur schwer nachvollziehbar sind. So streiken bei der Lufthansa mit den Piloten eine Berufsgruppe, die in diesem Land zweifellos zu den Spitzenverdienern gehört. Und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will ihre Anerkennung als Interessenvertreter der Zugbegleiter durchsetzen, obwohl deren Mehrheit in der konkurrierenden DGB-Gewerkschaft EVG organisiert ist. Zu dieser Stimmungslage passte der Titel der Sendung von Anne Will. „Lokführer und Piloten legen Deutschland lahm - Arbeitskampf oder Erpressung?“ Deutschland, so der Eindruck, fällt den Partikularinteressen immer kleinerer Interessengruppen zum Opfer. Sie nutzen ihre berufliche Funktion aus, um sich ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen.

          Wettbewerb oder Daseinsfürsorge

          Tatsächlich konnte die Sendung einen anderen Eindruck vermitteln, nämlich wie sich die Sozialordnung dieses Landes in den vergangenen 25 Jahren verändert hat. Für die Dominanz der Partikularinteressen sind nicht Gewerkschaften wie die GDL oder die Pilotenvereinigung Cockpit verantwortlich, sondern ein Sozialmodell, das deren heutige Rolle erst erzwungen hat. So fragte Frau Will, ob solche Spartengewerkschaften nicht die Entsolidarisierung in der heutigen Arbeitswelt zum Ausdruck brächten. Der Vorsitzende der GDL, Claus Weselsky, wusste darauf eine passende Antwort zu formulieren. Es habe nicht die Gewerkschaft zu verantworten, wenn die Politik im Jahr 1993 die Deutsche Bahn privatisierte und damit zugleich den Beamtenstatus von Lokomotivführern abschaffte. Die frühere Staatsbahn war als Monopolist ein Instrument staatlicher Daseinsfürsorge gewesen und wurde unter dem Applaus fast aller Beteiligten zu einem Unternehmen in einer Wettbewerbsökonomie. Aus dem verbeamteten Staatsdiener mit einem Treueverhältnis zum Dienstherrn wurde ein Arbeitnehmer mit Rechten und Pflichten. Für das frühere Gehalt eines Bundesbahnpräsidenten, vergleichbar mit einem Staatssekretär, würde im heutigen Management auch niemand mehr das Bett verlassen. Diese Privatisierung mag man ökonomisch für sinnvoll gehalten haben. Der frühere SPD-Politiker Claus von Dohnanyi hat auf die Globalisierung und Wettbewerbszwänge hingewiesen. Nur wusste er auch keine Antwort auf Weselsky Hinweise über die Erodierung des Flächentarifvertrages oder die Outsourcing-Strategien nicht nur des Bundesbahn-Managements.

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