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TV-Kritik: „Anne Will“ : Ein Sozialmodell namens Entsolidarisierung

  • -Aktualisiert am

Ein Trümmerhaufen namens Lufthansa

Hier wird die Krise des heutigen Tarifsystems deutlich. Die Lufthansa ist dafür ein abschreckendes Beispiel geworden. Sie ist ein organisationssoziologischer Trümmerhaufen. Jede Berufsgruppe hat mittlerweile eine eigene Interessenvertretung. Das Management operiert im luftleeren Raum, wo die eigenen Mitarbeiter nur noch als Bedrohung begriffen werden. Es ist eine Kultur des Misstrauens entstanden, wo jeder nur noch versucht, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Schulz machte das mehr als deutlich: Das Management habe weder Interesse an Gesprächen, noch an einem Kompromiss. Wie Dohnanyi, der vor Jahren selbst einen Tarifkonflikt bei der Lufthansa geschlichtet hat, in dieser Unternehmenskultur einen positiven Unterschied zum Agieren der GDL bei der Bahn erkennen konnte, blieb ein Rätsel. Management und Mitarbeiter betrachten diese nur noch zynisch. Die Ruhestandsprivilegien des Lufthansa-Vorstands sind gestern Abend kein Thema gewesen. Wenn dieser auf die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens hinweist, nimmt das daher auch kein Mitarbeiter mehr ernst.

Offensichtlich gibt es niemanden mehr bei der Lufthansa, der noch mit einer gewissen Autorität das Interesse des Unternehmens vertreten könnte. Das besteht in seiner wirtschaftlichen Existenzsicherung und der Beteiligung der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg (oder auch Misserfolg). Die Folge ist eine Unternehmenskultur der Entsolidarisierung. Die lässt sich auch nicht vom Bundestag mit einem Gesetz zur Tarifeinheit wieder herstellen. Die bei Frau Will zur Sprache gekommenen Vorschläge, wie etwa eine Zwangsschlichtung, werden nicht helfen, vor allem wenn man sie wie Dohnanyi als weitere Entsolidarisierung versteht. Seine Idee lief auf eine Spaltung zwischen Lokomotivführern und deren Gewerkschaftsspitze hinaus. Wenn die Schlichtung eine materielle Verbesserung der Einkommenssituation der Lokomotivführer erbringt, so seine Überlegung, wären diese bestimmt nicht mehr bereit, die Forderung der GDL auf Vertretung der Zugbegleiter weiter zu unterstützen. Weselsky brachte das Grundgesetz mit in die Sendung, um mit Dohnanyi über die Koalitionsfreiheit im Art. 9 Absatz 3 zu streiten. Besser kann man kaum dokumentieren, warum ein Verständnis von Tarifeinheit, das das Misstrauen zwischen allen Akteuren institutionalisiert, auf einer solchen Grundlage nicht funktionieren wird.

„Flexibilität und Verantwortung“

Kerstin Bund, Wirtschaftsredakteurin der „Zeit“, konnte daher auch nur scheitern, wenn sie die „Perspektive der Bürger“ einbringen wollte. Sie argumentierte im Sinne eines Begriffs, den sie allerdings nicht benutzte. Das fast vergessene Gemeinwohl. Der Bürger habe ein Anspruch auf eine funktionierende Infrastruktur, den aber diese Streiks in Frage stellten. Das Streikrecht, so ihre Argumentation, müsse seine Grenzen an einer „kritischen Infrastruktur“ finden, die die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft in Zweifel zieht. Nun haben Weselsky und Schulz eingeräumt, sich in ihren Arbeitskampf abzusprechen, um diesen Effekt zu verhindern.

Auf welchen tönernen Füßen dieses Argument steht, wurde aber in einem Einspieler von Frau Will deutlich. Die eigentlichen Profiteure dieser Streiks sind die Fernbus-Unternehmen, die erst seit zwei Jahren der Bundesbahn Konkurrenz machen dürfen. Von einem Zusammenbruch der deutsche Infrastruktur kann somit nicht die Rede sein. Was allerdings niemand erwähnte, sind die Arbeitsbedingungen der Busfahrer. Sie sind schlechter als die der Piloten oder Lokomotivführer, aber trotzdem haben sie eine ähnliche Verantwortung für ihre Fahrgäste wie die Kollegen aus den anderen Branchen. Es fehlt wirklich noch jemand, der sie als Vorbild nimmt, damit Deutschland am Laufen bleibt – und nicht „lahm liegt“. Man kann sie aber auch fragen, was sie von „Flexibilität und Verantwortung“ halten. So nannte Dohnanyi seine Idee über die heutige Arbeitswelt. Die Streiks bei der Lufthansa und der Bahn zeigen allerdings, wie weit wir uns von der Verantwortung mittlerweile entfernt haben. Immerhin funktioniert das aber mit der Flexibilität. Wahrscheinlich wieder am kommenden Montag. Laut Weselsky ist dann mit dem nächsten Bahnstreik zu rechnen.

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