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TV-Kritik: „Anne Will“ : Ein Sozialmodell namens Entsolidarisierung

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Das heutige System beruht tatsächlich auf die Entsolidarisierung der Arbeitsbeziehungen, die jetzt unter dem Oberbegriff „Tarifeinheit“ wiederhergestellt werden soll. Dohnanyi hielt es etwa für ein Argument, dass es doch nicht in einem Zug „unterschiedliche Tarifverträge für die dortigen Zugbegleiter“ geben könne. Jenseits dessen, dass Gewerkschaften schon immer nur Tarifverträge für ihre Mitglieder abgeschlossen haben, hat dieses Argument einen besonderen Charme. In vielen Betrieben können Arbeitnehmer für die gleiche Tätigkeit unterschiedlich vergütet werden, etwa als Stammbelegschaft oder Leiharbeiter. Bisher hielt sich die Empörung über diese Praxis außerhalb der Gewerkschaften in Grenzen. Nur wird es seltsamerweise gegen die GDL als Argument verwendet. Es gibt allerdings einen gewichtigen Unterschied zwischen den Lokomotivführern und anderen Berufsgruppen. Die GDL hat die für eine Gewerkschaft notwendige Organisationsstärke, um mit den Arbeitgebern auf Augenhöhe zu verhandeln. Bei Leiharbeitern und anderen prekär beschäftigten Arbeitnehmern ist das anders. Sie sind einem Sozialmodell, das auf Entsolidarisierung beruht, fast schutzlos ausgeliefert.

Solidarität der Piloten endet an der Cockpit-Tür

Insofern war es schon bemerkenswert, wenn der Präsident von Cockpit, Ilja Schulz, auf die Erfahrungen der Call-Center Mitarbeiter der Lufthansa in Kassel hinwies. Sie verzichteten erst auf Gehalt, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten, um diese aber am Ende trotzdem durch Verlagerung ins Ausland zu verlieren. Schulz wollte damit den Widerstand der Piloten gegen die Kündigung ihres Tarifvertrages zur Vorruhestandsregelung legitimieren. Allerdings hatte dieser Hinweis einen faden Beigeschmack, weil Schulz natürlich den Unterschied zwischen Piloten und Mitarbeitern einer Telefonhotline kennt. Erstere lassen sich nicht einfach durch den Einsatz von ausländischen Piloten ersetzen. Klaus-Peter Siegloch, früher als Journalist bei ARD und ZDF tätig, und heute in einer Art Vorruhestand Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, wies dabei auf einen interessanten Sachverhalt hin. Er fragte Schulz, warum er sich für die „Privilegien“ der Lufthansa-Piloten einsetze, obwohl für ihn selbst als Pilot bei Lufthansa-Cargo diese Regelung keine Geltung habe. Schulz wies auf eine Erfahrung hin, den jede Gewerkschaft im Rahmen eines Kompromisses machen muss. Es sei halt nicht gelungen, diese Forderung für alle deutschen Luftverkehrsunternehmen verbindlich zu machen. Trotzdem sei es gerechtfertigt, diesen Tarifvertrag zu verteidigen. Die Solidarität der Piloten, so war das zu verstehen, endet an der Cockpit-Tür. Schulz wäre nämlich nie auf die Idee gekommen, für die Arbeitsplätze der Kollegen aus Kassel zu streiken.

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