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TV-Kritik: Anne Will : „Der Westen hat Russland betrogen“

Anne Will Bild: dpa

In der Sendung von Anne Will über die Krim-Krise prallen die Linie der Bundesregierung und die Sichtweise der Russlandversteher hart aufeinander. Für den Historiker Baring hingegen ist die gesamte Ukraine verloren.

          Unter dem Motto „Wandel durch Abschreckung?“ konfrontierte Talkmasterin Anne Will zum Thema Ukraine und Krim den tapfer die Regierungslinie verteidigenden Chef des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag Norbert Röttgen mit drei streitbaren politischen Senioren. Die Ehrenpräsidentin der deutsch-russischen Außenhandelskammer Andrea von Knoop, die als Lobbyistin der deutschen Wirtschaft seit dreißig Jahren in Moskau lebt, lobte die wichtige und stabile Arbeit von sechstausend deutschen Unternehmen in Russland und tadelte, wenngleich sie betonte, die ökonomischen Verflechtungen hätten noch ganz anderen Belastungen standgehalten, jedwede Sanktionen. Der frühere SPD-Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Erhard Eppler erregte sich insbesondere über die Arroganz des amerikanischen Präsidenten Obama und seiner herablassenden Bemerkung über die „Regionalmacht Russland“, die aus Schwäche die Krim annektiert habe. Der Historiker Arnulf Baring mahnte die Deutschen, dass sie selber so modern und gewaltlos geworden seien, impliziere noch lange nicht, dass der Rest der Welt sich ebenso entwickle. Die Krimkrise und Putins Vorgehen zeige, so Baring, das es in der Wirklichkeit viel „altmodischer“ und härter zugehe als die europäischen Szenarien das vorsähen.

          Röttgen: Putin muss abgestraft werden

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch der tüchtige Röttgen ließ nicht beirren. Putin habe mit seiner militärischen Einschüchterungspolitik die Grundregeln der europäischen Rechtsordnung gebrochen und müsse dafür abgestraft werden, predigte er. Sonst verlören die Europäer ihre Glaubwürdigkeit. Putin müsse spüren, so Röttgen, dass er mit dem Einmarsch auf die Krim den Weg der Selbstisolation gewählt habe. Die Vorhaltungen von Frau Knoop, der Westen habe Russland durch die Nato-Osterweiterung betrogen, parierte er, man könne doch nicht den freien Willen der leidgeprüften Osteuropäer zur Nato-Mitgliedschaft ignorieren. Epplers Hinweis, mit dem Herauslösen des Kosovo aus Serbien habe der Westen Russland eine eigenmächtige Grenzneuziehung vorgemacht, konterte Röttger mit dem Hinweis auf die exzeptionelle Notsituation wegen des vorangegangenen Völkermords dort. Baring relativierte den Annexionsskandal zwar, indem er an die ihrerseits willkürliche Schenkung der Krim an die Ukraine durch KP-Chef Chruschtschow erinnerte. Doch dann kaprizierte er sich auf die seiner Meinung nach hohlen Warnsprüche des Westens gegenüber Moskau, die de facto einem Appeasement gleichkämen.

          Von Gastgeberin Will nach den politischen Zielen in der Ukraine gefragt, bekannte Röttgen sich natürlich zum Selbstbestimmungsrecht der Ukrainer. Woraufhin Eppler es sich nicht nehmen ließ, anzumerken, dass der Selbstbestimmung der Bewohner durch die Einverleibung der Krim gerade entsprochen worden sei. Außerdem hätte nicht zuletzt die Unprofessionalität der ukrainischen Politiker Putin nervös gemacht.

          Auch deswegen schien die Runde wenigstens darin einig, dass die Ukraine nicht in die Nato dürfte. Aber Julija Timoschenko, die gute Chancen hat, Präsidentin zu werden, strebe doch genau dies an, gab Anne Will zu bedenken. Tatsächlich: Wenn die radikale Timoschenko an die Macht kommt, die jetzt in einem abgehörten Telefongespräch in ihrer fluchgesättigten russischen Muttersprache erklärte, sie würde Putin am liebsten höchstselbst erschießen und die acht Millionen Russen, die in der Ukraine leben, liquidieren, wem soll dann die Europäische Union mit Hilfsgeldern aufhelfen? Die Frage blieb unbeantwortet.

          Eigentlich sei die Ukraine nicht zu retten, schloss Baring unverblümt. Wenn erst der russische Osten wegbräche, sei wirtschaftlich von dem Land nichts mehr übrig.

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