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TV-Kritik „Anne Will“ : Der Spaß an den Kriegsmetaphern

Moderatorin Anne Will Bild: dpa

„Protektorat“ und „bedingungslose Kapitulation“ – in der Sendung von Anne Will bewegen sich einige Gäste auf rhetorischen Abwegen, als sie kontrovers über Hilfen für Griechenland diskutieren.

          Wenn in politischen Debatten Kriegs-Metaphern verwendet werden, muss man aufhorchen. Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht bezeichnete in der Sendung „Anne Will“ am Mittwochabend Griechenland unter dem Einfluss der Troika aus Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Kommission als „Protektorat“. Mit dem Begriff betritt sie ein Wortfeld, das historisch mit dem Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs verbunden ist. Indem das Deutsche Reich 1938 das Münchener Abkommen brach, schuf es das Protektorat Böhmen und Mähren. So entstand ein abhängiger, als minderwertig behandelter Unterstaat des Reiches, über den nach Gutdünken geherrscht werden konnte.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Was hat die Situation in Griechenland mit dieser geschichtlichen Lage zu tun? Hat die Troika eine brutale Willkürherrschaft errichtet? Will sie die Bevölkerung Griechenlands unterdrücken? Warum bedarf es in einer politischen Diskussion um Griechenland solcher sinnentstellender Metaphern?

          Der Attac-Aktivist Alexis Passadiakis unterstellt der Troika, sie strebe die „bedingungslose Kapitulation“ Griechenlands an. Schon wieder so eine Kriegs-Metapher. Auch mit ihr suggeriert der Verwender, die Auseinandersetzung zwischen den baltischen Staaten, den Niederlanden, Finnland, Deutschland und anderer Mitglieder der Eurogruppe auf der einen Seite und Griechenland auf der anderen Seite um die Kredithilfen des Landes trage Züge eines Krieges. Daraus müsste man dann schlussfolgern, die Geldgeber setzten Waffen gegen das Land ein, um es in die Knie zu zwingen.

          Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht sieht Griechenland auf dem Weg zu einem „Protektorat“.

          Es ist eine bemerkenswerte Umdeutung der Ziele der europäischen Partner Griechenlands, denen daran gelegen ist, das Land wieder ökonomisch auf die Beine zu bekommen – und zwar indem es seine Staatsfinanzen ordnet und damit die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Erholung schafft.

          Man kann über die Mittel der Troika und ihr Erscheinungsbild in Griechenland vortrefflich streiten, was die Runde bei Anne Will auch weitestgehend kontrovers, unterhaltsam und meinungsstark getan hat. Solche rhetorischen Taschenspielertricks führen aber schnell auf problematische Pfade.

          Frage der Reparationen

          Bleibt man im Wortfeld von „Protektoraten“ und „Kapitulationen“ baut man damit eine rhetorische Brücke zu der Frage, ob Deutschland noch heute verpflichtet sei, für die Untaten, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg in Griechenland begangen hat, einen Ausgleich zu zahlen. Es ist der Moderatorin Anne Will anzurechnen, dass sie in ihrer Sendung bestimmt zehn Minuten darauf verwendet hat, diese Frage differenziert und sachlich entlang den Beschlüssen des Londoner Abkommens von 1953 diskutieren zu lassen und dabei auch zu berücksichtigen, was die Zustimmung der Mehrheit der KSZE-Staaten zu den 2+4-Verträgen über die Deutsche Einheit bedeutete.

          Wie so oft gelingt es der ARD-Moderatorin hier, Aufklärung des Publikums zu betreiben, indem sie die Gesprächspartner ausreden lässt und sich auch die Zeit nimmt,  zweimal nachzufragen, damit man die Position der Gäste auch wirklich versteht. Und sie tritt den Emotionen, die durch die rhetorischen Tricks geschürt werden, mit einer kühlen Sachlichkeit entgegen, die der Diskussion gut tut.

          System der Privilegien für reiche Minderheiten

          Dennoch ist es erstaunlich, dass keiner dem Vokabular der Verteidiger der neuen griechischen Links-Rechts-Regierung widerspricht. Griechenland ist ja nicht wegen kriegerischer Verheerungen in die derzeitige Lage geraten, sondern weil in einem System der Privilegien für reiche Minderheiten unproduktive Strukturen entstanden sind. Weil der Staat marode ist. Weil jahrzehntelang keine Steuermoral herrschte und diese auch nicht von den Behörden eingefordert wurde. Weil die Vorgängerregierungen jahrelang ihre Partner in Europa mit gefälschten Statistiken an der Nase herumgeführt haben. Und weil es zu wenig Bemühungen hab, heimische Unternehmen beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft zu unterstützen.

          Was am Ende eines Krieges sinnvoll sein mag, nämlich einen Schlussstrich zu ziehen und einen Neuanfang unter veränderten Bedingungen zu wagen, kommt hier nicht zum Tragen. Denn die Ursachen der griechischen Misere werden ja nicht behoben, wenn die Geldgeber dem Land zu stark entgegenkommen und Erleichterungen ohne Reformbereitschaft anbieten. Sind die Ursachen für eine Krise unterschiedlich, müssen auch die Rezepte unterschiedlich sein. Und deshalb besser sprachlich auf Kriegsmetaphern verzichten!

          Ansonsten hat sich mal wieder die Technik der Moderatorin bewährt, eine Handvoll von Themenblöcken anzusprechen, statt alles erklären lassen zu wollen und am Ende durch die Sendung zu hecheln, wie man es von ihrer Konkurrentin Maybrit Illner gewohnt ist. Die Drohung des griechischen Verteidigungsministers, Griechenland könne Flüchtlinge nach Deutschland schicken – und Deutschland müsse dann damit fertig werden, wenn sich darunter islamistische Terroristen fänden, wurde so beispielsweise in der gebotenen Ausführlichkeit behandelt. Dabei konnte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn einen wichtigen Punkt setzen, als er sagte, dass Deutschland und Schweden bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten schon jetzt die Hälfte der Last trügen und ihnen deshalb Respekt gebühre.

          Es wird viel über Griechenland im deutschen Fernsehen diskutiert. Sieht man einmal von den rhetorischen Verkürzungen ab, ist das auch schon oft schlechter geschehen als an diesem Abend.

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