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TV-Kritik: Anne Will : Der Boulevard der Wahrheitsfindung

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Anne Will Bild: dpa

Nach der Einlassung von Beate Zschäpe im NSU-Prozess stand zu befürchten, dass die Medien sich mit dem Inhalt ihrer Aussage zufriedengeben würden, ohne weitere Fragen zu stellen. Auch Anne Will schien zunächst in diese Richtung zu marschieren. Aber dann kriegte sie die Kurve.

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          Eine Woche, nachdem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 tot in einem Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda aufgefunden wurden und die Öffentlichkeit erstmals vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) erfuhr, begann im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) eine Löschung von Aktenbeständen aus der Abteilung, die sich mit Rechtsextremismus befasste. Die Akten betrafen die „Operation Rennsteig“, in der das BfV die Szene rund um den rechtsradikalen Thüringer Heimatschutz beobachtete.

          Der Abschlussbericht des ersten NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags berichtet im Jahr 2013 auf Seite 757 von V-Leuten unter den Decknamen Treppe, Tobago, Tonfall, Tonfarbe, Tusche, Tinte, Terrier und Trapid. Auf der gleichen Seite verweist der Bericht darauf, dass der Generalbundesanwalt am gleichen Tag, am 11. November 2011 Ermittlungen wegen der Gründung einer rechtsgerichteten terroristischen Vereinigung einleitete. Die Ermittlungen bezogen sich schließlich auf zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und fünfzehn Raubüberfälle. Als Haupttäter bezeichnet die Bundesanwaltschaft Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos sowie Beate Zschäpe. Viel spricht heute dafür, dass es sich hierbei um eine Fiktion handelt. An der Vorbereitung der Taten müssen sehr viel mehr Personen beteiligt gewesen sein, als vor der Münchener Strafkammer auf der Anklagebank sitzen.

          Inzwischen haben sich zehn parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern mit dem NSU befasst. Das Oberlandesgericht München erhielt gestern nach 248 Verhandlungstagen erstmals eine Stellungnahme der Hauptangeklagten Zschäpe, die sich zuvor an die Empfehlung ihrer bisherigen Pflichtverteidiger Stahl, Sturm und Heer gehalten hatte zu schweigen.

          Beredtes Schweigen

          Was ihr neuer Pflichtverteidiger Grasel gestern vortrug, war kaum mehr als beredtes Schweigen zu nennen. Auf 53 Seiten wird der Versuch unternommen, aus der Hauptangeklagten ein willensschwaches Kollateralopfer zu machen. Das Gericht wird darüber befinden, ob es diese Einlassung als Schutzbehauptung wertet oder nicht.

          Auch Schriftsätze eines Strafverteidigers sind rhetorische Formate mit eigenen Regeln. Warum Strafverteidiger Grasel für die Stellungnahme Frau Zschäpes zu den gegen sie erhobenen Beschuldigungen mittelbar die Figur des „kommunikativen Beschweigens“ (Hermann Lübbe) wiederbelebt und so geltend zu machen versucht, dass die Hauptangeklagte immer erst nach den Taten von ihnen erfahren habe und keineswegs an ihrer Vorbereitung beteiligt gewesen sei, bleibt sein Geheimnis. Er stellt seine Strafverteidigung in eine Tradition des Nichtwissenwollens, die die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik politisch und kulturell prägte. Täter, Mittäter und Mitwisser des nationalsozialistischen Mordens stilisierten sich so auch selbst als Opfer.

          Opfer wurden wie Täter behandelt

          In der Geschichte der Straftaten, die dem NSU zugerechnet werden, haben die Ermittlungsbehörden geradewegs das Gegenteil gemacht. Über zehn Jahre ermittelten sie, von bayerischen Ausnahmen abgesehen, so, als seien die Opfer der Straftaten bzw. ihre Angehörigen selber kriminell. Opfer wurden wie Täter behandelt. Nur dem langjährigen bayerischen Innenminister Beckstein schwante die Idee, dass es sich bei den Morden um Straftaten handelte, die aus fremdenfeindlichen Motiven begangen sein könnten.

          Wie reagiert eine so erfahrene Gerichtsreporterin wie Gisela Friedrichsen auf so eine Inszenierung? Erst beschreibt sie die Inszenierung, den Rollenwechsel, das neue Gesicht, das die Hauptangeklagte zeigte, eine menschliche Seite, die ihr bisher entging. Sie hat darauf verzichtet. Sie ließ vortragen. Sie vermied Augenkontakt mit den Nebenklägern. Sie weigert sich, im weiteren Verfahren auf Nachfragen der Nebenkläger zu antworten. Mehmet Gürcan Daimagüler, Anwalt eines Nebenklägers, fand das einfach gruselig. Ähnlich äußern sich Angehörige von Opfern nach der Verhandlung vor den TV-Kameras. Anwalt Daimagüler bezeichnet Zschäpes Stellungnahme als schlechtes Skript einer zweitklassigen Seifenoper.

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