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TV-Kritik: „Anne Will“ : „Das kann jederzeit wieder passieren“

Ahmad Mansour spricht die bittere Wahrheit aus

Aber noch einmal die Frage – 676 Anzeigen von Frauen wegen Diebstahl und sexuellen Angriffen: Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour ist derjenige, der in der Runde nicht drum herum redet und den Anne Will am besten einfach mal so einlüde, als Gegenpart von Altmaier oder auch Gabriel, gerne auch ohne Gesine Schwan, um beim Thema bleiben zu können. Das darf sich nicht wiederholen, sagt Mansour, aber das kann sich jederzeit wiederholen.

Das ist ein Satz Wirklichkeit, wie wir ihn in Talkshows nicht oft hören. Die sind häufig genug Stellvertreterdebatten und häufig genug merken es die Moderatoren nicht oder finden nichts dabei. Das scheint Anne Will an diesem Abend nicht zu liegen. Zwar lässt sie ihre Gäste abschweifen zu den anderen Aspekten des Themas, doch zunächst soll es um die Zuschreibung des Geschehens und dessen Ursachen gehen.

Ist in der Sendung für Sätze der Wirklichkeit zuständig: der Psychologe und Autor Ahmad Mansour.

Und da nennt Mansour alles, wovor sich der zurzeit wieder angesagte Netzfeminismus gerne wegduckt: patriarchale Strukturen in Zuwanderermilieus; religiös motivierte Tabuisierung der Sexualität, die ein entspanntes Miteinander der Geschlechter verhindert und ein hohes Gewaltpotential birgt (Stichwort „Ehrenmord“); Parallelgesellschaften, deren Präzeptoren jetzt auch noch zu den ersten Ansprechpartnern der Flüchtlinge zählen. Wo, fragt Mansour, ist die Strategie, dem entgegen zu treten und eine Integrationsaufgabe zu lösen, die ganze Generationen beschäftigen wird und um einiges größer ist als die Rettung der Banken vor ein paar Jahren?

Fertige Konzepte hat selbstverständlich auch Mansour nicht in petto, aber er stellt die richtigen Fragen und regt die Politik an, sich dieses Themas in ganz großem Stil zu widmen und die Vermittlung der diese Gesellschaft tragenden Werte als drängendste Aufgabe von allen zu verstehen.

Gesine Schwan flüchtet sich in der Diskussion lieber ins Begriffliche,

Damit ist eigentlich alles gesagt in dieser Talkshow – so etwa zur Mitte der Sendezeit -, aber es muss noch weiter und um Europa und die gesamteuropäische Antwort auf die Zuwanderung gehen, zu der Gesine Schwan nur einfällt, dass die Bundesregierung nicht plötzlich von anderen EU-Mitgliedern Solidarität erwarten könne, wo sie diese selbst doch nie geleistet habe. So kann man die europäischen Krisen des vergangenen Jahrzehnts auch sehen. Das hat mit dem Geschehen auf der Domplatte, die in der Neujahrsnacht zum Tahrir-Platz wurde, aber nur noch in dritter Ableitung zu tun.

Ist das kein „Staatsversagen“?

Handelt es sich hier – bei den Straftaten in Köln, der Schwäche der Polizei und der Politik - aber nicht um ein „Staatsversagen“? Das will Anne Will von Beginn an wissen. Sie erntet Widerspruch von links und rechts. Gesine Schwan ist der Begriff zu groß, Peter Altmaier nimmt für die Bundesregierung in Anspruch, dass sie auf die einzig mögliche Weise und verantwortungsvoll handle. Er könne noch in den Spiegel schauen. Keine Anzeichen dafür, dass sich Angela Merkel, wonach Anne Will auch fragt, „nicht mehr für die Richtige“ hält. Peter Altmaier sagt zwar nicht „Wir schaffen das“, aber er meint es. Dafür gibt es abermals keinen Applaus.

Anne Will sollte so wie in der Sendung vom Sonntag, die den Titel trug „Nach Köln - Höchste Zeit für eine neue Flüchtlingspolitik?“, weitermachen: Fernsehen mit Realitätsanschluss und ohne Überbrückungskabel, das jede Debatte sogleich auf der Metaebene ideologisch kurzschließt. Anders hat das nämlich gar keinen Sinn.

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