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TV-Kritik: Anne Will : Das Ende der Vereinigten Staaten, wie wir sie kennen

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„Trump hat das verstanden“, so Verheugen. Er meinte den politischen Sprengstoff, der sich in den vergangenen Jahrzehnten angesammelt hat. Die Republikaner wurden damit zur Partei der „working class“, wie es Ralph Freund ausdrückte, Vizepräsident der „Republicans Overseas Germany“. Und es ist kein Widerspruch, wenn diese neue Regierung ansonsten ein wirtschaftsliberales Programm reinsten Wassers vorlegt, das bestimmt nicht den Interessen dieser Klasse dienen soll.

Verlagerte Konfliktlinien

Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten der Politik vergangener Jahrzehnte, diese Form der Entgrenzung mit einem ausgeprägten gesellschaftspolitischen Ehrgeiz zu verbinden. Die innenpolitischen Konfliktlinien verlagerten sich auf Identitätsfragen wie die Genderdebatte, die sexuelle Orientierung oder den Umgang mit ethnischen Minderheiten. Das stand auch im Mittelpunkt der beeindruckenden landesweiten Protestmärsche gegen Trump am vergangenen Samstag. Dessen sexistische Entgleisungen interessierten mehr als alles andere. Sie setzten damit bloß fort, was schon den Wahlkampf bestimmt hatte und am Ende zum bekannten Ergebnis führte. Ob das ein Beitrag dazu ist, die Wählergruppen wiederzugewinnen, die den Demokraten verloren gegangen sind, kann bezweifelt werden. Wobei es dem Rest der Welt eigentlich herzlich gleichgültig sein kann, wie die Vereinigten Staaten ihre tiefsitzenden kulturellen Konflikte lösen.

Sie führen allerdings zu einer zunehmenden amerikanischen Nabelschau mit unabsehbaren Konsequenzen für den Rest der Welt. Dabei kann noch niemand wissen, was das im Einzelfall bedeutet. So sprach ein Republikaner wie Freund getreu dem alten deutschen Sprichwort, dass nichts so heiß gegessen werde wie es gekocht wird: Es käme letztlich auf die Taten des neuen Präsidenten an und nicht auf seine Worte. Im Kern gehe es darum, so Freund, ob Trump im Rahmen geltender Regeln handeln oder diese bewusst brechen wird. Im letzteren Fall, so die Vermutung, wird er auf Widerstand sogar in der eigenen Partei treffen.

Irrweg europäischer Nationalisten

Das ändert aber nichts an der Entwicklung, dass jenseits des Atlantiks das Bewusstsein über die weltpolitische Rolle verloren gegangen ist. Die Nato, so Wolffsohn, „sei für die Vereinigten Staaten „heute weniger wichtig als bei ihrer Gründung.“ Das gilt auch für weite Teile von Trumps Gegnern im eigenen Land. Trump mag ein „ungebildeter Mensch“ sein, dem es „an Herzenswärme fehlt“, wie es Wolffsohn ausdrückte. Aber das ist lediglich ein Symptom der transatlantischen Krise, nicht ihre Ursache. Es wird somit darauf ankommen, wie die deutsche und europäische Politik auf diese Entfremdung reagieren. Frau von der Leyen nannte zwei Kriterien: Zum einen mit Nüchternheit die eigenen Interessen gegenüber der amerikanischen Regierung vertreten, zum anderen müssten sich die Europäer „um die Problem kümmern, die sie selbst betreffen.“

Dazu gehört der entschiedene Widerspruch gegen den Irrweg europäischer Nationalisten – eine Marine Le Pen agiert im Geist Vichys, die ihr Land an fremde Mächte wie Trumps Vereinigte Staaten oder Putins Russland ausliefern wird – und zugleich das Bewusstsein Deutschlands über die Rolle einer Führungsmacht. Es bedeutet Last und Bürde im Interesse Europas. Was passiert, wenn das Bewusstsein darüber schwindet, erlebt man gerade in den Vereinigten Staaten des Donald Trump. Soweit sollte man es auf dem alten Kontinent nicht kommen lassen. Wahrscheinlich ist das die wichtigste Lehre der vergangenen Monate.

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