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TV-Kritik: Anne Will : „Chaos ist ein griechisches Wort“

TV-Moderatorin Anne Will diskutierte mit ihren Gästen abermals über Griechenlands Schuldenkrise. Bild: dpa

Wer weiß, was Alexis Tsipras will? Weiß Tsipras selbst noch, was er tut? Auch Anne Will versucht, Licht in die Taktik des griechischen Ministerpräsidenten zu bringen. Zu hören gibt es stattdessen eine Warnung von CDU-Mann Volker Kauder an die Kanzlerin.

          Schon die Anmoderation spricht Bände. "Chaos ist ein griechisches Wort und spätestens seit dieser Woche wissen wir auch warum." Mit diesen Worten hat Anne Will ihre dieswöchige Griechenland-Talkrunde eröffnet, fast schon mit leicht resigniertem Unterton, ob der Vergeblichkeit des Unterfangens. Die tragende Rolle als Tsipras-Kenner hatte sie ihrem griechischen Gast Giorgos Chondros, Mitglied im Vorstand der Regierungspartei Syriza, zugedacht. Ihn begrüßte Will schon mit den Worten, er sei von der vergangenen Woche gleich sitzen geblieben. Für Auskünfte über die Stimmungslage unter den Euro-Finanzministern, aber auch für klare Worte zum Inhalt der Verhandlungen, war Pierre Gramegna, der luxemburgische Finanzminister, eine gute Besetzung.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Er bestätigte auch unverzüglich, was alle ahnen. Die letzten beiden Briefe, die Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras nach dem Abbruch der Verhandlungen vergangenen Samstag und der Ankündigung des Referendums nun kurz vor und kurz nach Ablauf der Zahlungsfrist geschrieben hatte, um von den Gläubigern abermals mehr Zeit zu bekommen, hätten "eher Verwirrung gestiftet", sagte Gramegna. Es gehe zu wie bei der Echternacher Springprozession, zwei Schritte vor, einen zurück. Aber natürlich bleibe die Hand der Gläubiger "weiterhin ausgestreckt". Schon weil das griechische Volk viel gelitten habe.

          Syriza-Vertreter spricht von Erpressung

          Chondros beharrte unverdrossen darauf, dass nicht nur Tspiras wisse, was er tue, auch das griechische Volk wisse es. Aber sei nicht der Text auf den Stimmzetteln für Samstag unvollständig und kaum verständlich, weil er sich auf Vorschläge beziehe, die man erst im Internet suchen müsse?, wollte Will wissen. "Für die Griechen ist das sehr verständlich. Jeder Grieche wird wissen, worum es geht", behauptete Chondros. Er beklagte, dass seine Regierung von den Gläubigern erpresst werde nach dem Motto "friss oder stirb". Das sei keine Verhandlung. Deswegen müsse die Regierung das Volk jetzt zu den Vorschlägen der Gläubiger befragen, denn diese berücksichtigten nicht die Wahlversprechen, für die Tsipras und Syriza im Januar gewählt worden seien. Mit dem Referendum tue man im Übrigen einen Dienst an der Sache Europas. "Das größte Gebot Europas ist die Demokratie", rief Chondros.

          Dafür hatte er natürlich die in den Griechen-Sendungen fast alternativlose Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, an seiner Seite. "Wer, wenn nicht die Bevölkerung selbst, soll entscheiden", pflichtete sie ihm bei. Da solle sich Deutschland ein Beispiel nehmen. Die Vorschläge und Auflagen der Gläubiger, etwa den Tourismus stärker zu besteuern, würden Griechenland auch nicht zu Wachstum verhelfen. Wagenknecht schlug vor, die griechische Oberschicht endlich zu einem Lastenausgleich per Vermögensabgabe heranzuziehen, zeigte sich aber über die Chancen, diesen Rat zu verwirklichen, selbst skeptisch. Chondros gab etwas später zurück, dass Deutschland schließlich auch keine Vermögensteuer habe.

          Mit diesem und ähnlichen Einwürfen provozierte der Grieche den Fraktionsvorsitzenden der Union, Volker Kauder. Der zeigte sich fassungslos über das Unvermögen der Regierung Tsipras, einen klaren Kurs zu fahren. Tsipras empfehle seinem Volk, die Reformvorschläge der Gläubiger abzulehnen, wolle nach dem Ergebnis des Referendums dann aber über diese Vorschläge weiter verhandeln. Griechenland tue auch nichts, um wieder auf die Füße zu kommen. Die Regierung wolle Geld, ohne Bedingungen. "Setzen Sie  sich mal auf den Hosenboden. Überlegen Sie sich ein Geschäftsmodell, und dann kommen Sie wieder", rief er dem Syriza-Politiker zu. In dieselbe Kerbe schlug auch der luxemburgische Finanzminister. Die Verantwortung für die griechische Wirtschaft habe die griechische Regierung. Niemand hindere sie, Reformen zu machen, die für ihr Land gut seien, empfahl Gramegna. Er riet, sich ein Beispiel an Irland zu nehmen, das in diesem Jahr am schnellsten unter den Euroländern wachse, mit 4,8 Prozent. Damit brachte er Wagenknecht auf. Irland locke Unternehmen mit Steuersparmodellen an, das sei ein ruinöses Modell und der falsche Weg für Europa.

          Die Positionen sind verhärtet

          Über den richtigen Weg für Griechenland wurde man sich, man ahnte es, auch bei Anne Will nicht einig. Im Gegenteil: Die Sendung hat aufs Schönste bestätigt, wie verhärtet und gegensätzlich die Positionen sind und wie strapaziert die Geduld auf beiden Seiten, von denen jede glaubt, die andere tue alles, um sie zu belügen und zu täuschen über ihre wahren Absichten. Man werde von der griechischen Regierung "an der Nase herumgeführt", beschwerte sich Kauder. Auch "wir sind eine Demokratie. Wir haben auch ein Volk, dessen demokratische Entscheidungen nehmen wir ernst."

          Wie es nach dem Referendum weitergeht? Für Luxemburgs Finanzminister stellt sich die Lage wie folgt da: Stimmten die Griechen mit Ja zu den Reformvorschlägen der Gläubiger, sei das ein Mandat zum Weiterverhandeln. Ein Nein hingegen führe in eine "Grauzone". Das Wort Grexit nahm keiner in den Mund an diesem Abend. Die Griechen sollten aber nicht glauben, dass der Druck zum Einlenken auf Seiten der Gläubiger wachse. "Der Druck wird ganz schön auf Griechenland sein", warnte Gramegna. Die Finanzmärkte seien ruhig geblieben. Der Euro sei wertvoll, wer ihn behalten wolle, müsse einen Preis zahlen.

          Auch Kauder hatte noch eine unbequeme Botschaft Richtung Athen. Man wolle ja trotz allem Griechenland gerne im Euro halten, aber weitere Hilfen für die Griechen werde es nur geben, wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) im Boot bleibe. Der habe nun einmal die größte Erfahrung mit Reformprogrammen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Was Kauder nicht sagte: Dem IWF traut man nun die größere Härte gegenüber Athen zu, weil sich der Fonds auf klare Regeln berufen kann und um den Rückhalt seiner Mitglieder außerhalb Europas fürchten muss, wenn diese Regeln verletzt werden. "Der IWF ist für meine Fraktion Bedingung. Der IWF muss unabwendbar dabei sein", sagte Kauder gleich mehrfach. In dieser Klarheit ausgesprochen, ist das eine Warnung an die Bundeskanzlerin. Was immer an Zugeständnissen in den kommenden Wochen notwendig sein wird: Hier hat der Mann, der Angela Merkel den Rückhalt in der Fraktion sichern muss, seiner Kanzlerin eine Grenze gesetzt.  

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