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TV-Kritik: Anne Will : „Oberflächlicher Unsinn“

  • -Aktualisiert am

Welche Bilder haben wir von Flüchtlingen? Diese besuchen im Dezember den Zoo in Dresden. Bild: dpa

Nicht erst seit den Pegida-Protesten drängt das Thema Flüchtlinge. Die Sendung von Anne Will zeigt, wie der politische Diskurs kaum noch etwas mit der Lebenswelt der Menschen zu tun hat. Bis einem der Kragen platzt.

          5 Min.

          Eine Schule in Arnsberg im Sauerland. Wie überall in Deutschland muss sie sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sie mit den schulpflichtigen Kindern von Flüchtlingen umgehen soll. Eine Idee ist es gewesen, den Neuankömmlingen gleichaltrige Paten an die Seite zu stellen. Diese sollen etwa in den Pausen mit den neuen Mitschülern spielen, um ihnen so den Einstieg in eine für sie fremde Welt zu ermöglichen. Die Kinder übernehmen damit Verantwortung für Menschen, die ihnen genauso fremd sind, wie für die Flüchtlinge Deutschland ist.

          Fast um die Ecke, in Burbach im Siegerland, sieht die Welt anders aus. Frank Quandel ist Sprecher der dortigen „Bürgerinitiative für Sicherheit und Gemeinsamkeit.“ Er berichtet in der Sendung von Anne Will von seinen Erfahrungen mit Flüchtlingen und Asylbewerbern. Das Thema der Sendung lautet: „Flüchtlinge herzlich willkommen - Aber auch vor meiner Haustür?“.

          So unterschiedlich geht es vor deutschen Haustüren zu. Wobei der Begriff „Asylbewerber“ bei Quandel für jene Probleme steht, die die Debatte der vergangenen Wochen zunehmend bestimmt haben. Darunter fasst er jene „Nordafrikaner“, zumeist aus Marokko oder Tunesien, die die Atmosphäre in der Stadt im Siegerland bestimmt hätten. Junge Männer saßen auf Parkbänken, tranken Bier, bewarfen Spaziergänger mit Dosen - oder urinierten in Vorgärten. Sie hätten, so Quandel, sogar auf dem Friedhof ihre „Saufgelage“ veranstaltet. Womit „Christen ein Problem hätten“, wie er anmerkte. Wohl nicht nur diese, wie er vergaß hinzuzufügen.

          Vergiftete Atmosphäre

          Der Sprecher der Burbacher Bürgerinitiative räumte allerdings ein, dass nicht alle Geschichten, die man im Ort über Asylbewerber erzählte, stimmen müssten. So manches wird bekanntlich durch Weitererzählen zum Gerücht. Die anderen Gäste bei Frau Will, allesamt Politiker, ignorierten seine Erfahrungsberichte. Sie ließen sich schließlich nicht überprüfen. Aber Quandel dokumentierte damit die vergiftete Atmosphäre, die in Burbach nach der Einrichtung des Asylbewerberheims entstanden war. Die unzumutbaren Verhältnisse im Heim, unter anderem mit Übergriffen des Sicherheitspersonals auf Flüchtlinge, führten im September dieses Jahres zu jenem Skandal, der die Defizite der Flüchtlingspolitik in Deutschland erst sichtbar werden ließ. So setzen sich Bilder in den Köpfen von Menschen fest. Anstatt die von schüchternen Kindern, die sich mit Hilfe ihrer neuen Mitschüler in einer fremden Umgebung einzuleben versuchen, solche von Saufgelagen auf Friedhöfen.

          In einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Karlsruhe im Oktober
          In einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Karlsruhe im Oktober : Bild: dpa

          Das betrifft vor allem die Menschen, die Flüchtlingen ansonsten nie begegnen, außer in den Medien. Plötzlich werden diese nur noch als Bedrohung wahrgenommen. Quandel machte so sichtbar, was ansonsten gerne unter den berühmten Teppich gekehrt wird. Denn natürlich konnte er auch nicht sagen, wie repräsentativ diese Vorfälle für die Menschen in diesem Flüchtlingsheim gewesen sind. Es wäre auch interessant zu wissen gewesen, wie er eigentlich die von ihm genannten Nordafrikaner von syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen unterscheiden kann. Am unterschiedlichen arabischen Dialekt sicherlich nicht. Oder spricht jemand aus der Burbacher Bürgerinitiative Arabisch?

          „Oberflächlicher Unsinn“

          Auf diese Weise kommt ein Mechanismus in Gang, der eine Gruppe namens Flüchtlingen (oder Asylbewerber) stigmatisiert, indem statt positive nur noch negative Erfahrungen dominieren. Dieser Prozess hat in Deutschland im Spätsommer diesen Jahres begonnen und letztlich wohl auch erst die Dynamik bei den Pegida-Demonstrationen in Dresden ausgelöst.

          Es ist Anne Will leider nicht gelungen, die Diskussion auf diese Burbacher Erfahrungen zu konzentrieren. Die Politiker in der Runde diskutierten lieber in dem Modus, den wir aus vorherigen Debatten schon kennen. Sie setzten nicht an der Lebenswelt der Bürger an, sondern sprachen routiniert über alle möglichen rechtlichen und politischen Fragestellungen. Quandel platzte schließlich der Kragen als er feststellte, bisher sei „nur oberflächlicher Unsinn gequatscht worden“.

          Schmierereien an einem Flüchtlingsheim in Vorra
          Schmierereien an einem Flüchtlingsheim in Vorra : Bild: AFP

          Was hat das auch mit Burbach zu tun, wenn sich die beiden Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Bosbach (CDU) und Sevim Dagdelen (Linke), über das Asylrecht als Grundrecht oder den Bundeswehreinsatz im Irak streiten? Es hilft Quandel nicht weiter, so sein Eindruck. Genauso wenig wird es ihn trösten, wenn sich die Europaabgeordnete Monika Hohlmeier (CSU) mit der grünen Bundestagsabgeordneten Luise Amtsberg über die Rolle des Föderalismus in der Flüchtlingspolitik auseinandersetzt. Im Mikrokosmos der politischen Klasse ist das zweifellos relevant, aber in Burbach hat man ein anderes Problem. Dort gingen Einheimische mittlerweile in den Discounter des Nachbarortes, so Quandel. Warum? Sie fürchten sich vor den Gruppen von Asylbewerbern, die sie dort treffen können.

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