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TV-Kritik: Anne Will : Alles außer Kontrolle?

TV-Moderatorin Anne Will diskutierte am Mittwoch mit ihren Gästen über die angespannte Lage in der Ukraine Bild: dpa

Bei Anne Will sollte es um Geiseln, Terror und die Kriegsgefahr in der Ukraine gehen. Aber dann regten sich doch alle lieber über Gerhard Schröder und seinen Freund Putin auf.

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          Wenn die Lage unübersichtlich wird, hält man sich gern an scheinbar klare Bilder: Den ganzen Tag lang war am Mittwoch in den Medien das Foto zu sehen, dass Altkanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg in inniger Umarmung mit seinem Freund, dem russischen Staatschef Wladimir Putin, zeigte. Auf einem Empfang der Nord Stream AG feierten sie Schröders 70. Geburtstag nach. Auch Anne Will ließ es sich am Abend in ihrer Sendung nicht nehmen, dieses Foto noch einmal zu zeigen. Ein Fehler, wie sich herausstellte.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Geiseln, Terror, Kriegsgefahr – Ist die Ost-Ukraine außer Kontrolle?“ sollte das Thema des Abends sein. Nun wurde erst mal zwanzig Minuten lang über Gerhard Schröder und seine Geburtstagsfestspiele geredet. Er habe sich „geschüttelt“, als er die Bilder dieser „freudigen Umarmung“ gesehen habe, eine Kumpanei, die er „pervers“ finde, fehl am Platz, sie richte Schaden an, sagte der Europa-Parlamentarier Werner Schulz vom Bündnis 90/Die Grünen. Sie sei immer dafür, Dinge auseinander zu halten, meinte dagegen die ehemalige Russland-Korrespondentin der ARD, Gabriele Krone-Schmalz. Wenn Schröder und Putin befreundet seien, hätten sie auch das Recht, gemeinsam Geburtstag zu feiern. Und Wladislaw Below von der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau glaubte zu wissen, dass Schröders Mission eine diplomatische sei: Putin sei ein Mann, mit dem man reden und den man überzeugen könne. Schröder wisse und er könne das.

          Wie wollen wir in Europa miteinander umgehen?

          Der einzige, der offensichtlich überhaupt keine Lust hatte, über Gerhard Schröder zu reden, war Peter Altmaier von der CDU, den nicht das Umarmungsfoto der Männerfreunde erschütterte, sondern die Geiselnahme der OSZE-Beobachter: „Es geht um die Frage, wie wir in Europa miteinander umgehen wollen. Wenn es nicht mehr möglich ist, dass Mitarbeiter der OSZE sich frei bewegen, dann haben wir ein Problem“, sagte er – und beinahe wäre es endlich um das angekündigte Thema gegangen. Aber eben nur beinahe: 140 OSZE-Beobachter sind in der Ukraine. Die Deutschen, die sich in Geiselhaft befinden, sind keine regulären Mitarbeiter der OSZE, sondern Militärinspekteure der Bundeswehr. Was die denn da sollen? Wenn es um Deeskalation gehe, sei es schließlich sinnvoll, sich auf zivile Beobachter zu beschränken, regte Gabriele Krone-Schmalz sich auf. Und das führte dann wieder nicht weiter. Ob ein Inspekteur der Bundeswehr oder ein Beobachter der OSZE in Geiselhaft ist, ändert an der Unrechtmäßigkeit der Geiselnahme schließlich nichts. Was sollte das heißen? Dass die Bundeswehr-Leute selber Schuld daran seien, dass sie festsitzen?

          Vielleicht war es das Problem der Sendung, dass derjenige, der unter den geladenen Gästen Zugang zu den meisten Informationen über „Geisel, Terror und Kriegsgefahr in der Ost-Ukraine“ hatte, nämlich Kanzleramtschef Peter Altmaier, zugleich einer war, der aufgrund seines Amts am wenigsten offenbaren durfte. Die anderen hatten zwar weniger Informationen, offenbarten ihre persönlichen Ansichten und Einstellungen dafür umso eifriger. Das führte vor allem zu Spekulationen: „Wir gehorchen hier nicht Putin, wir sind die Volksrepublik Donezk“, hatte der selbst ernannte Bürgermeister der ostukrainischen Stadt Slawjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow, in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung gesagt. Wieviel Einfluss hat Wladimir Putin, fragte deshalb Anne Will. Könnte er, etwa mit einer Fernsehansprache, eine weitere Eskalation der Gewalt verhindern? Will er das überhaupt? Oder will er, wie Werner Schulz es nahelegte, die Ost-Ukraine bewusst destabilisieren, um nach der Krim auch sie zu annektieren? Putin sei nicht der allmächtige Zar, der über das Gebiet der Ost-Ukraine die Kontrolle habe, hielt Wladislaw Below dagegen. Andererseits, fragte Will, seien die Separatisten doch aber prorussisch. Warum hat der Präsident da keinen Zugriff?

          Geschichten statt Meinungen

          Da war es also erst um Schröder gegangen, jetzt ging es um Wladimir Putin – ganz so, als wäre die Kriegsgefahr in der Ost-Ukraine eine Frage der Psychologie zweier Männer. Was fehlte, war eine Stimme von jemandem, der in den vergangenen Wochen und Tagen in der Ost-Ukraine gewesen war. Jemand, der sich ein Bild gemacht hatte von der so unübersichtlichen Lage und Geschichten zu erzählen hatte. Denn Geschichten sind etwas anderes als Meinungen, von denen man schon so viele gehört hat und die die Frage aufwerfen, ob die Talkshow überhaupt das richtige Format ist, um über die aktuelle Situation zu berichten. Im Sessel sitzen und eine Meinung haben, reicht einfach nicht – denkt man, zuhause im Fernsehsessel.

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