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TV-Kritik: Anne Will : Alle lieben Angela Merkel

Von einer Kanzlerinnen-Krise ist in der Runde von Anne Will, die ihre Talkshow erst unlängst zur Bühne für Angela Merkel und deren „Wir schaffen das“-Mantra machte, weit und breit keine Spur. Das könnte man im Vormitternachtsdämmer alles bequem wegschauen und denken: ist ja wie immer, würde es an einem Punkt nicht doch auf schauerliche Weise ungemütlich, um nicht zu sagen: unsäglich, wenn nicht skandalös. An dem Punkt nämlich, an dem ein Zitat von Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, eingeblendet wird. Er tritt für Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen ein und führt eine Begründung an, die eigentlich jeden aufhorchen lassen müsste.

„Hass auf Juden und Intoleranz“ 

„Viele der Flüchtlinge“, sagte Schuster vor ein paar Tagen im Interview mit der „Welt“, „fliehen vor dem Terror des ,Islamischen Staates‘ und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind. Denken Sie nicht nur an die Juden, denken Sie an die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder den Umgang mit Homosexuellen.“ Was sagt Christian Lindner, Bundesvorsitzender der liberalen Partei, dazu? Er hält dies für eine Einlassung, die „das gesellschaftliche Klima vergiftet“. Man dürfe Flüchtlinge nicht über einen Kamm scheren, genau so wenig wie es statthaft oder sinnvoll sei, Klischees über „die“ Deutschen zu pflegen.

Das muss man sich merken: Wenn der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland darauf hinweist, dass eine große Menge von Menschen zu uns kommt, die aus Ländern stammen, in denen Antisemitismus common sense ist, hält Herr Lindner das für einen Beitrag, der „das gesellschaftliche Klima vergiftet“. Bis dato erschien es uns in der Bundesrepublik common sense zu sein, unter den demokratischen Parteien sowieso, Befürchtungen, die Minderheiten äußern, Vertreter des Judentums zumal, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und abzuqualifizieren. Ganz nebenbei: seien Herr Lindner an dieser Stelle zwecks persönlicher Fortbildung ein paar Reisen in islamische Länder empfohlen, bevor er sich abermals zu dem Thema äußert.

Das Erwartbare und das Unfassbare

So liegt in der Sendung von Anne Will das Erwartbare neben dem Unfassbaren, als sei das alles nicht weiter der Rede wert. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die anderen Diskutanten Lindners Einschätzung zur Äußerung von Josef Schuster mitnichten teilen und Annegret Kramp-Karrenbauer dazu die richtigen Worte findet, nämlich, dass man das sehr wohl ernst nehmen müsse, es aber die Aufgabe einer wertegebundenen Integration sei, solche Befürchtungen zu entkräften. (Der Glaube an die eigenen, grenzenlosen Kräfte ist bei den Unterstützern Angela Merkel grenzenlos, das merkt man nicht nur in diesem Augenblick.)

Der bemerkenswerte Vorschlag Dohnanyis zur Flüchtlingspolitik geht indes beinahe unter: Anstatt immer nur davon zu reden, man müsse die Situation der Flüchtlinge in den Lagern in der Türkei, im Libanon oder in Jordanien verbessern, sollten die europäischen Staaten die Schirmherrschaft übernehmen und bis in die Details in die Verantwortung gehen: England hier, Frankreich und Deutschland dort, in Absprache selbstverständlich mit den jeweiligen Ländern. So sähe konkrete, konstruktive Politik aus. Ob die handelnden Politiker einen solchen Vorschlag praktischer Vernunft einmal in Betracht ziehen anstatt über Zahlen für eine Obergrenze bei der Flüchtlingsaufnahme zu diskutieren, die dann aber doch niemand nennen will? Es wäre ein Anfang.

Und Angela Merkel? Sie sei, meint Klaus von Dohnanyi, genau das, was der „Economist“ geschrieben habe: die „unentbehrliche Europäerin“. Sollte die Bundeskanzlerin inzwischen auch die britischen Europa-Skeptiker und Ultrawirtschaftsliberalen von ihrem „Kurs“ der scheinbaren „Alternativlosigkeit“ überzeugt haben, den sie bei jeder Kehrtwende, überraschenden Volte oder auch beim schieren Abwarten reklamiert? Es scheint so. Sie folge „Einsichten“, sagt Klaus von Dohnanyi. Auf dass wir am Ende alle ihre Einsichten teilen. Was aber wird aus der Bundesrepublik, aus Europa und aus der anderen Union – Merkels Partei? Da darf man geteilter Einsicht sein.

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