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TV-Kritik: Anne Will : Ach, Boateng ist ein Farbiger?

Redeten mit und über Alexander Gauland (2. v.l.): Eckart Lohse (Politischer Korrespondent der F.A.Z.), Bundesjustizminister Heiko Maas, Moderatorin Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Eigentlich hieß Anne Wills Sendung am Sonntag: „Guter Nachbar, schlechter Nachbar – wie rassistisch ist Deutschland?“, aber die meiste Zeit drehte es sich um die Frage: Wie rassistisch ist Alexander Gauland?

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          Alexander Gauland muss eigentlich eine schöne Woche gehabt haben. Für jemanden, der es sich vernehmlich zur Aufgabe macht, Deutschland in eine Melange aus Bismarck-Reich und arischer Nation zu verwandeln, kann es ja kein Nachteil sein, wenn der damit fremdelnde Teil der Bewohnerschaft des Staatsgebiets sich darüber aufregt. Denen wirft Gauland ohnedies vor, eine Schädigung des deutschen Volkes zu betreiben.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Insofern war es kein Wunder, dass Gauland am Sonntagabend die Tweed-Rüstung überstreifte, sein anglophiles Jackett, und aus Potsdam zu Anne Will nach Berlin kam. Schlafen kann er ja wahrscheinlich sowieso nicht, weil er selbst in der Nacht an sein überflutetes deutsches Land denkt. Jedenfalls kamen Gauland und das Jackett zu Anne Will, um über Gauland und über Fremdenfeindlichkeit zu reden, was nach Auffassung seiner Kritiker beinahe dasselbe ist.

          Erst bestritten, dann bestätigt

          Neben ihm saß der Journalist Eckart Lohse, einer der beiden Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Gauland kürzlich zum AfD-Programm befragt hatten und dann den inzwischen bekannten Boateng-Satz zu hören bekamen. Den hatte Gauland erst bestritten, dann halbwegs und schließlich doch ganz bestätigt. Doch davon etwas später. Als quasi politologischer Mittler fand sich Werner Patzelt in der Runde, der zwar aus Bayern zugewandert ist, aber schon seit vielen Jahren in Dresden lebt und lehrt. Dort hat Professor Patzelt in den vergangenen Monaten viel getan, um Verständnis für die Ängste und Sorgen von Pegida-Anhängern eine politikwissenschaftliche Lanze zu brechen. Gauland konnte also zumindest bei ihm auf eine verständige wissenschaftliche Deutung hoffen. Der dritte Mann unter den Gästen war Justizminister Heiko Maas. Als weitere Expertin saß, aus der neutralen Schweiz angereist, die Basler Migrationsforscherin Bilgin Ayata in der Fernsehrunde.

          Gauland wirkte am Anfang der Sendung besonders unfroh, wobei er eigentlich nie einen heiteren Eindruck hinterlässt. Immer wenn man ihn irgendwo sieht, denkt man an eine bevorstehende Explosion von Altlasten. Und vielleicht war die Woche für Gauland auch gar nicht gut gelaufen, denn selbst in seiner eigenen Partei haben die Leute allmählich die Nase voll von ihm und seinen Ausfällen gedanklicher Natur. Und dann hätte er sich nur ins Studio geschleppt, weil Talkshows und Interviews für ihn eine Art politische Kaffeefahrten sind, Beschäftigung für einen, der nichts Schönes anzufangen weiß mit seinen Tagen und Nächten.

          Aufreger der Woche

          „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“  Diese Worte, die Gauland zwei Kollegen der politischen Redaktion gesagt hatte, waren der Aufreger der vergangenen Woche. Ein recht widerwärtiges Stück Satzbau. 

          Wie Gauland selbst seinen Satz verdaute, zeigen seine Einlassungen dazu. Zunächst wollte er sich nicht glauben und sagte, er habe „an keiner Stelle über Herrn Boateng gesprochen“. Mit dem Lügen-Vorwurf kam er aber nicht sehr weit, selbst seine eigenen AfD-Parteifreunde warfen sich stattdessen der Nationalmannschaft zu Füßen. Also probierte Gauland es mit seiner zweiten Version: Er habe nur deutlich machen wollen, dass viele Leute Fremde in ihrer Nachbarschaft nicht ideal fänden. „Dabei mag der Name Boateng gefallen sein.“ Aha. Unterdessen hatten viele Leute deutlich gemacht, dass sie vor allem einen Gauland in ihrer Nachbarschaft nicht ideal fänden.

          Wenig gewusst über Boateng

          Wieder etwas später und in einer Sprache, die nur noch Blut und Boden kennt: Er habe mit den beiden Journalisten über den ungebremsten Zustrom „raum- und kulturfremder Menschen“ geredet. Dabei möge das Zitat gefallen sein. Damit war wenigstens das schon mal geklärt. Es war gesagt, es war gemeint. Aber als Beleidigung fehlgedeutet? Er habe, sagte Gauland, nicht einmal gewusst, dass Boateng ein Farbiger sei. Lohse habe ihn, so Gauland an seinen Nachbarn von der F.A.Z. gewandt, reingelegt. Quasi auch eine Schädigung des deutschen Volkes. So nannte Gauland ein paar Tage später die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, eine Politik der menschlichen Überflutung.

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