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Die Duelle der Kleinen : Ein Wahlkampf sucht sein Thema

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So stellte Herrmann eine Frage zur Inneren Sicherheit, während sich Özdemir mit einer Replik an den CSU-Spitzenkandidaten zum Thema Ökologie revanchierte. Lindner wollte sich gegenüber den Grünen als außenpolitischer Realist und Entspannungspolitiker profilieren. Wagenknecht und Weidel versuchten dagegen, die Wertschätzung für die jeweils andere Kandidatin zur Diskreditierung der konkurrierende Partei zu nutzen. Aus dieser Spontanität ergaben sich spannende Zwiegespräche, die das ansonsten starre Korsett dieses Formats durchbrachen.

Fallstricke der Logik

So sucht dieser Wahlkampf immer noch sein Thema. In den Wahlprogrammen der Parteien wird man das aus den genannten Gründen nicht finden. Themen werden erst wahlentscheidend, wenn sie das Empfinden der Wähler über die Zeitumstände treffen. Ansonsten sehen vor allem die ungebundenen Wähler keine Motivation, etwas zu ändern. Nachvollziehbarerweise hat die Union ein Interesse an dieser Konstellation, gibt es dann doch keinen Grund, an der Wiederwahl der Kanzlerin zu zweifeln.

So ging es abschließend in der Sendung „Hart aber fair“ von Frank Plasberg vor allem um die Nachbetrachtung des Kanzlerduells. Das war nicht uninteressant. So kritisierte die 22 Jahre alte Betreiberin einer Art digitalisierten Schülerzeitung namens Lisa-Sophie „die Unbeholfenheit“ etablierter Parteien im Internet. Sie vermochte es ansonsten mit vielen Worten möglichst nichts zu sagen, was einen politischen Sinn ergeben könnte. Unter Umständen hat das etwas mit den Sozialisationsbedingungen dieser Generation zu tun, die mit solche Diskursen aufwachsen musste. Dennoch - oder gerade deshalb - wurde sie vom langjährigen Chefredakteur des Bayerischen Rundfunk Sigmund Gottlieb für ihre Fähigkeit gelobt, Politikern wie Angela Merkel in einem von Lisa-Sophia geführten Interview „noch zuzuhören“. Das war als selbstkritische Anmerkung über journalistische Eitelkeit gemeint. Es war allerdings bisher niemanden aufgefallen, dass etwa das Mitteilungsbedürfnis konservativer Politiker an Gottliebs Eitelkeit ihre Grenze gefunden haben könnte.

Bei Frank Plasberg diskutieren seine Gäste über die Frage ob Angela Merkel eine „Staatsfrau“ oder eine Kanzlerin der Beliebigkeit ist.

Um das festzustellen, braucht man noch nicht einmal die von Gottlieb erwähnte „Intelligenz einer Physikerin“. Er meinte damit die Kanzlerin. Es ging um den überraschenden Vorschlag von Martin Schulz im TV-Duell, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abzubrechen. Die Kanzlerin hatte darauf genauso überraschend mit der Korrektur ihrer eigenen Position reagiert, deren Änderung ist eigentlich bislang ausgeschlossen hatte. Gottlieb lobte die Kanzlerin in den höchsten Tönen. Sie wartet ab, wie „sich eine Problemlage entwickelt“ und geht „nicht mit einem starken Spruch wie Martin Schulz in die Bütt“, sondern wartet sogar „noch einmal eine halbe Minute ab“, um schließlich „zu einem deduktiven Schluss“ zu kommen, nämlich „vom Ende her zu denken.“ Allerdings lässt seine Argumentation eher eine induktive Methode der Kanzlerin vermuten, die ihre Positionen auf Grundlage empirischer Erfahrung ändert. Diese Vermutung hatte auch Moderator Frank Plasberg - und sie ist wenig schmeichelhaft für die Kanzlerin.

Gottlieb verstrickte sich in den Fallstricken der Logik, womit er aber gewissermaßen die Logik des Wahlkampfes auf den Punkt brachte. Der findet seine Themen bisweilen durch Zufall. Das passiert, wenn scheinbar belanglose Nebensächlichkeiten eine vorher ungeahnte argumentative Wucht entwickeln. Nur so konnte vor vier Jahren der „Veggie-Day“ der Grünen seine damalige Bedeutung bekommen: Er wurde zum Synonym für die Grünen als „Verbotspartei“. Es verhagelte ihr Wahlergebnis, vor allem bei den parteipolitisch wenig gebundenen Wählern.

In den verbleibenden Tagen bis zum 24. September könnte dieser Wahlkampf damit sein Thema gefunden haben. Ob die Kanzlerin für „Ruhe und Besonnenheit“ steht, wie es Gottlieb in diesem Fall axiomatisch formulierte. Ob sie die anerkannte „Staatsfrau“ ist, um es in den Worten der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner auszudrücken. Oder für eine Beliebigkeit steht, die man keinem anderen Politiker durchgehen ließe, so der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann. Die Antwort auf diese Frage wird der Wähler allerdings nicht in den Wahlprogrammen der Parteien finden.

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