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„True Detective“ geht weiter : Sie sind wütend auf die ganze Welt

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Es ist seine Stadt, in der ermittelt wird, aber ist er dem Fall auch gewachsen? Polizist Ray Velcoro (Colin Farrell) will die Verbrechen in Vinci aufklären. Bild: Sky/HBO

Dunkler, abgründiger, morastiger: Rachel McAdams, Colin Farrell und Taylor Schilling werden die Antihelden in der zweiten, düsteren Staffel der amerikanische Serie „True Detective“. Drehbuchautor Nic Pizzolatto zeigt seine Wut auf die Welt.

          Im sonnigen Kalifornien offenbart sich in der zweiten Staffel der amerikanischen Serie „True Detective“ eine Welt, die noch dunkler, morastiger und abgründiger ist als das ländliche Louisiana, wo in Staffel eins Matthew McConaughey als verbitterter Nihilist und Woody Harrelson als Leugner seiner persönlichen Krise über die Welt philosophierten, während sie in einem grausigen Mordfall ermittelten.

          Denn in der kalifornischen Kleinstadt Vinci, einem Industriekaff mit gerade 93 Einwohnern, laufen die Fäden eines politischen Ränkespiels um 900 Millionen Steuerdollar und ein Nahverkehrsprojekt zusammen, das die Immobilienpreise entlang des geplanten Korridors anschwellen lässt. Als ein örtlicher Verwaltungsbeamter mit einer düsteren sexuellen Obsession ermordet wird, entsenden gleich drei Behörden ihre Leute an den Schauplatz des Verbrechens: Vom Ventura County Sheriff’s Office wird Ani Bezzerides (Rachel McAdams) zur Leiterin der Ermittlungen gemacht, die Stadt Vinci stellt ihr den örtlichen Polizisten Ray Velcoro (Colin Farrell) zur Seite. Und auch der Staat Kalifornien bindet einen der Ihren in die Ermittlungen ein: den Motorradcop und Afghanistan-Veteranen Paul Woodrugh (Taylor Schilling), der die Leiche fand und nun die Chance bekommt, die Erpressungs-Anschuldigungen eines notorisch straffälligen Hollywood-Starlets auszuräumen.

          Sex und Gier, die Frage nach dem Sinn der Existenz, institutionelle Korruption und Selbstverleugnung verbinden sich in diesem Krimi, dessen Verwicklungen malerische Luftaufnahmen von Kaliforniens Autobahnkreuzen versinnbildlichen. Und weil dies ein Krimi von Nic Pizzolatto ist, darf man erwarten, dass die neuen Ermittler ähnlich schwer am Leben tragen wie ihre beiden Vorgänger in Staffel eins. Genauer: Sie hadern mit ihrer Vergangenheit. Ani Bezzerides hat ihre Kindheit und ihre Mutter an einen existentialistischen Kult unter der Leitung ihres Vaters (David Morse) verloren und hat ein Faible für ausgefallene erotische Praktiken. Außerdem hat sie eine Vorliebe für Messer - weil „der fundamentale Unterschied zwischen den Geschlechtern ist, dass die Angehörigen des einen die des anderen mit bloßen Händen umbringen können“.

          Die harte Frau: Ani Bezzerides (Rachel McAdams) wurde durch ihre Vergangenheit gestählt.

          Der vormalige Literaturdozent Nic Pizzolatto, der mit „True Detective“ bei HBO in der Fernsehwelt einschlug wie ein Meteorit, löst das Versprechen ein, mit der zweiten Staffel ein Stück über „schlechte Männer und harte Frauen“ zu bringen: Mit Ani (eigentlich: Antigone) Bezzerides, die ihr gefärbtes Blond achtlos auswachsen lässt und der Welt mit tiefem Misstrauen begegnet, hat er eine Frauenfigur geschaffen, die den Vorwurf, er wisse mit Frauen nichts anders anzufangen, denn sie als Opfer oder Sexobjekte abzubilden, ausräumt. Das Opfer ist dieses Mal ein Mann, und Ani ist der härteste Typ von allen. Pizzolatto hat fraglos etwas für Figuren voller ungesteuerter Wut übrig.

          Wer da alles aufmarschiert: Der Polizist Ray Velcoro verwindet es nicht, dass der Sohn seiner Exfrau Alicia (Abigail Spencer) womöglich gezeugt wurde, als sie brutal vergewaltigt wurde. Als sein Arzt ihn fragt, wie viel er trinkt, sagt Velcoro lakonisch: „So viel ich kann.“ Auch der Kollege Woodrugh hat eine Mordswut. Er ist nur dabei, um bei selbstmörderischen nächtlichen Motorradfahrten die Erinnerungen an einen mysteriösen Brandunfall und die Affäre mit einem Kameraden verdrängen zu können.

          Die faszinierendste Figur der zweiten „True Detective“-Staffel ist jedoch der Provinz-Pate Frank Semyon (Vince Vaughn). Er hat sein ganzes Geld in Grundstücke entlang der Bahnstrecke investiert, hofft auf den großen Schnitt und ein bürgerliches Leben. Aber mit dem Verbrechen fallen Semyons Pläne ebenso in sich zusammen wie seine Position in der Halbwelt. Der einstige Macher fühlt sich machtlos und impotent. Wie Vaughn die scheinbare Autorität seiner Figur in Verunsicherung zerlegt, allein das macht die Serie sehenswert. Aber bis in die Nebenrollen ist dieses Ensemble-Drama hochkarätig besetzt - darunter mit Ritchie Coster, der als selbstgefälliger Bürgermeister Jack Sparrow und Vito Corleone zugleich Reverenz erweist, und mit Lolita Davidovich als Paul Woodrughs anzüglich-abgewrackter Mutter.

          Wiewohl diese „True Detective“-Staffel etwas schwerfälliger konstruiert ist als die erste - das dunkle Geraune von Leonard Cohens „Nevermind“ als Titelmusik steht stellvertretend dafür - und wenn auch die Dialoge etwas schwächeln, mag die Übereinkunft der amerikanischen Kritik, dies alles reiche an Staffel eins nicht heran, verfrüht sein. Es stimmt, der Schlagabtausch zwischen McConaughey und Harrelson elektrisierte. Aber der Schluss enttäuschte mit einer unbefriedigenden Auflösung des Falls und der Andeutung der allfälligen Läuterung seiner Figuren. Vielleicht bleibt das den neuen Antihelden erspart. Pizzolattos Wut auf die Welt tut „True Detective“ gut.

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