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„Tatort“-Kritik : Diese Leiche ist uns wurst

  • -Aktualisiert am

Einfühlsam im Ton, hart in der Sache: Maria Furtwängler verhört einen Paarhufer Bild: NDR/Christine Schroeder

Im „Tatort“ scheint Kommissarin Lindholm schon reif für den Ruhestand. Zu dumm aber, dass der Chauffeur des Schweinekönigs stirbt. Wurden auch Tiere für diesen Krimi gequält?

          Der Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph hat vor zwei Jahren den großartigen „Tatort. Der tiefe Schlaf“ inszeniert. In dem ging Gisbert Engelhardt (Fabian Hinrichs) den Münchner Hauptkommissaren Ivo Batić (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) mächtig auf die Nerven. Leider blieb es bei einem Auftritt. Doch wir wissen, Hinrichs kommt mit einer neuen Rolle wieder - als Kommissar im Franken-„Tatort“ 2015. Batić und Leitmayr zeigte der Regisseur damals als alternde Polizisten - müde, ausgezehrt und mit getrübtem Blick. Der Mörder entkommt am Ende. Und Gisbert Engelhardt wird brutal ermordet. Der Film war ein Kunstwerk, nicht nur, weil er kein klassischer „Tatort“ war. Vor zwei Jahren, als manche „Tatorte“ vorhersehbar wurden und neue Varianten her mussten, war das ein Schritt nach vorn.

          Jetzt hat die biedere „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) das Glück, dass auch ihr Fall von dem Regisseur Adolph aus einer neuer Perspektive inszeniert wird. In „Der sanfte Tod“ herrscht ein ungewohnt geisterhafter Ton vor, ganz untypisch für den sonst eher glatt erzählten „Tatort“ aus Hannover, in dem Charlotte Lindholm sich zwar stets sehr eigenwillig, aber doch meist von ihrer besten Seite zeigt.

          Eine Hölle voller Nervensägen

          Jetzt gerät sie aufs Land bei Oldenburg, wo die Schweinemast die Einkommen sichert und eine mächtige Familie mit dem Namen Landmann über den Wurstnachschub wacht. Motto: „Lecker, lecker“. Als der Chauffeur von Schweinekönig Jan-Peter Landmann (wundervoll böse: Heino Ferch) erschossen wird, ist sofort klar, dass der Chef des „Familienunternehmens“ mit zweitausend Mitarbeitern getroffen werden sollte. Charlotte Lindholm rückt zur Klärung des Falls an.

          Obwohl ihr Sohn Geburtstag hat, lässt sie ihn allein - das ermüdende Motiv kennen wir schon. Doch was sie erwartet, ist eine Hölle, bevölkert von Nervensägen: Jan-Peter Landmann umschmeichelt sie (geheuchelt), beschenkt sie mit Wurstkörben, lässt sich nichts sagen. Sein infantiler, kleingehaltener Bruder Martin (Sebastian Weber) ist eine bemitleidenswerte Kreatur. Die durchgedrehte Mutter Rita Landmann (Tatja Seibt) taucht nur ab und an auf, meist schimpft sie. Und dann gibt es noch die Polizistin Bär (großartig verkrampft: Bibiana Beglau) in Karotten-Hochwasserhosen und mit Watschelgang. Gibt sie der Kommissarin den Rest?

          Im Gammelfleisch-Milieu: Kommissarin Lindholm möchte lieber nicht hinriechen

          Sie ahnen schon, Gutmensch Lindholm ist natürlich zu allen gut. Auch zu dieser schrägen Erscheinung: Kollegin Bär ist erst seit einer Woche bei der Polizei. Sie wirkt, als habe man sie gerade aus langer Gefangenschaft befreit. Sie zieht die Pistole gegen ein Schwein.

          Charlotte Lindholm, entsetzt, fordert Unterstützung an und bekommt nur zu hören: „Sie sind doch eine moderne Frau. Sie sind mein bester Mann. Sie machen das schon.“ Die Kamera hält von nun auf eine derangiert auftretende Maria Furtwängler als Kommissarin, die, blass und überschminkt, in einer merkwürdig unmodischen Jeans, mit labbrigem Hemd und Strickjacke versucht, die Spur zu finden - die des Mörders und die der Schauspielerei. Sie strauchelt, fällt. Sie bleibt allein in einem labyrinthartigen, surrealen Gruselkabinett. Sie kommandiert herum. Dieser „Tatort“ führt sie an ihre Grenzen.

          Während in München Batić und Leitmayr beiseitetreten mussten, um die Bühne einem Neuen zu überlassen, der Abwechslung in einen doch etwas abgehalfterten „Tatort“ brachte, lässt Lindholm nicht locker. Neben dieser Figur wird niemand geduldet. Heino Ferch etwa muss als Jan-Peter Landmann hinterlistig ihre Schönheit beschwören und die angeblich ganz besondere Beziehung, die sie haben, preisen. Das ist leider so lächerlich, dass es nicht einmal komisch ist.

          Der Ton dieses „Tatorts“ ist vertraut, es gibt ihn auch in der von Alexander Adolph entwickelten Serie „Unter Verdacht“ mit Senta Berger. Nebenrollen nerven, die Kommissare straucheln. Doch beim „sanften Tod“ dreht sich das Spiel: Charlotte Lindholm nervt sich und alle anderen. Man meint, Maria Furtwängler hätte nach diesem Dreh sofort die Kündigung eingereicht.

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