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TV-Kritik: „Tatort“ : Er hatte den Finger am Abzug

Hände hoch oder ich...: Kommissar Lannert (Richy Müller) bleibt keine Wahl. Denkt er zumindest. Bild: SWR

Die Stuttgarter „Tatort“-Kommissare geraten in die Schusslinie: Der neue Fall „Eine Frage des Gewissens“ weitet sich zu einem großen psychologischen Krieg.

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          Es ist Nacht in Stuttgart (meistens), und Nacht wird es bleiben. Beherrscht von Albträumen. Gelegentliches Licht kommt von einer blendenden Sonne knapp über den Häusern oder fällt, von Fensterlamellen gestreift, ins Zimmer. Die beiden Kriminalhauptkommissare, der grüblerische Schweiger Thorsten Lannert (Richy Müller) und der emotional labile Sebastian Bootz (Felix Klare), sind wunderbar aufeinander eingespielt, zwei ernste Männer, beide privat mit einem Berg von Problemen beladen, ganz ohne Comedy; nur gegenüber der Staatsanwältin Alvarez (Carolina Vera) gibt es leichte Anflüge von Ironie.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Spannung kommt spät in diesem „Tatort“, aber sie kommt dann auch sehr stark. Ein Supermarkt wird überfallen, der offensichtlich psychopathische Täter, mit einer Pistole bewaffnet, droht, den Mann vom Sicherheitsdienst zu erschießen. Lannert schießt schneller, und natürlich wird jetzt auch zu seinem Verhalten ermittelt. Er habe es „in den Augen“ des Täters gesehen, dass der schießen würde. Bootz lügt für ihn: Er habe die Situation genau beobachtet - es ist nicht wahr, er versuchte genau in diesem Augenblick, eine Kundin, die so merkwürdig geistesabwesend hereinschneite - wann eigentlich genau? -, aus der Gefahrenzone auf den Boden zu werfen: Luise Berndt in der Rolle der Alice Gebauer, Arbeitslose mit Drogenkarriere.

          Spuren ins linksradikale Milieu

          Zwei Männer, die einander helfen. Rechtsanwalt Christian Pflüger (typischer Oberschicht-Schnösel, Michael Rotschopf spielt ihn überzeugend-smart) vertritt (mit seiner Frau, gespielt von Caroline Ebner) die Mutter des toten Geiselnehmers, er durchschaut die Kameraderie und vermutet abgesprochene Aussagen. Klug fragt er Bootz, warum denn nicht er geschossen habe. Nur wenn der Anwalt in eigener Sache hochpathetisch wird und erklärt, „Menschen“ gegen „Konzerne“ zu verteidigen - „Ich lasse die Bürger in ihrer Ohnmacht nicht alleine“ -, dann zweifelt man bald, ob der geschniegelte, hochintelligente Bursche wirklich aufrichtig ist. Ja und nein, wird sich am Ende herausstellen. Seine Zeugin ist Alice Gebauer, die Bootz mit seinem Körper gedeckt hatte. Die verworrene Situation im Supermarkt wird durch ihre verwirrte Aussage nicht klarer. Merkwürdig nur, dass sie sagt: „Er hat ihn einfach erschossen“ - und dann weinend rausgeht.

          Dann ist sie auch tot, in ihrer Wohnung mit einer Ceská erschossen. Bootz findet sie; eigentlich hätte er gar nicht dort sein dürfen, und der glatte Pflüger sieht seine Stunde gekommen: Der Hauptkommissar habe versucht, die Zeugin einzuschüchtern. In weiten Teilen ist dieser „Tatort“ ein psychologischer Krieg, aber nicht nur. Das Umfeld der toten Zeugin wird anhand ihrer Kontakte in sozialen Netzwerken untersucht; eine Spur führt ins linksradikale Milieu - ist das nicht auch ein notierenswertes Novum im „Tatort“, wo die Leutchen in „linken Wohnprojekten“ meist nur harmlose Kiffer sind und garantiert nicht die Täter? Diesmal ist es anders, aber mehr darf man nicht verraten.

          Bootz trinkt übermäßig und weint, wenn er mit seinen Kindern spricht, die in Amerika sind - mit ihrer Mutter und deren neuem Gespons. Seine Wohnung vermüllt langsam, und wenn er die Flaschen zum Container bringt, fotografiert ihn jemand. Lannert weint nicht, sondern grübelt nächtens, hoch über Stuttgart, hat wegen der Untersuchung gegen ihn auch leichte Anfälle von Selbstmitleid - aber nichts davon wirkt jetzt übertrieben, alles ist dramaturgisch stimmig. Man muss mit diesem „Tatort“ (Regie: Till Endemann, Buch: Sönke Lars Niewöhner und Sven Poser) ein wenig Geduld haben. Dann wird man mit sehr gediegener Krimi-Unterhaltung belohnt.

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