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„Tatort“ aus Dortmund : Es möchte kein Hund so länger leben

  • -Aktualisiert am

Daraus wird keine Gartenparty: Anne Ratte-Polle, Jörg Hartmann, Maren Eggert und Anna Schudt (von links) treffen sich hinterm Haus zum Quartett. Bild: WDR/Wolfgang Ennenbach

Weitermachen ist die einzige Lösung. Und zwar mit dem, was Polizisten am besten können: die Bösen fangen. Der Dortmunder „Tatort“ gewinnt mit neuem Drehbuchautor die alte Stärke zurück.

          3 Min.

          Die Schlagzahl ist hoch, wunderbar hoch. Allein die ersten acht Minuten von „Hundstage“ in der zupackenden Regie von Stephan Wagner („Mord in Eberswalde“) sind allumfassend: Da haben wir einen Tragik evozierenden Rückblick - eine Polizeistaffel sucht ein vermisstes Kind im Wald. Den Ton setzt eine Szene mit Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt), die in einem Café bei hochsommerlichen Temperaturen ihrem zerbrochenen Familienglück nachtrauert (wobei die Szene erkennbar auf einem bekannten Kölner Südstadtplatz gedreht wurde; ja, die vermaledeiten Finanzen des WDR: Aus Kostengründen wohnen ja auch Thiel und Börne in Wahrheit in der Kölner Siebengebirgsallee). Ein Unternehmer wirft einen dramatischen Blick auf das „Dortmunder U“ und trifft eine Entscheidung. Psycho-Maestro Peter Faber (Jörg Hartmann) liefert sich ein Nervenduell mit seinem zugewiesenen Therapeuten (der Cholerikus hat eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den Hacken). Faber, der selbst für seine Verhältnisse diesmal besonders kaputt wirkt, bricht zusammen. Aus dem Off hören wir immer wieder die Stimme seiner toten Tochter: „Papa, warum bist du Polizist?“ Einen aggressionsumlenkenden Machoauftritt gibt es auch („Sachma, machst du die Kacke da mal wech?“), gegen einen arglosen Hundebesitzer, der gut retourniert: „Wer bist denn du? Von der Hundescheißepolizei oder was?“ Im Hafenbecken folgt ein actionreicher Rettungseinsatz, wobei unser Rüpelbulle - so legt es später ein Zeuge nahe - vielleicht die Täterin herausgefischt hat, während das angeschossene Opfer (der Unternehmer) ertrunken ist. Und dazu nicht weniger als elfmal „Scheiße“ in acht Minuten, das hat schon Schimanski-Format.

          Nach fünf starken ersten Folgen aus der Feder von Jürgen Werner, die die Dortmunder Ermittler an die Spitze der „Tatort“-Teams katapultierten, war zuletzt ein wenig die Luft raus. Zwei ebenfalls von Werner geschriebene Episoden verspielten einiges vom Elan der Anfangszeit, rückten die internen Zwists der allesamt lebensmüde wirkenden Kommissare allzu sehr in den Vordergrund, verloren die Balance. Vor allem den Nebenermittlern Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) wurde zu viel zugemutet. Sie konnten ihre Polizistenrolle kaum noch ausfüllen, während sie nicht glaubhaft in jene der an Leben und Liebe Verzweifelnden hineinfanden. Man kann es kurz machen: Der Autorenwechsel zu Christian Jeltsch hat gutgetan. Der Dortmunder „Tatort“ ist in alter Stärke zurück, ohne dass die horizontale Erzählung dabei zu Bruch ginge. Gelitten wird natürlich auch diesmal, alle Figuren leiden geradezu wie die Hunde. Jeder ringt mit seinen Dämonen, Schuldgefühle hoch wie Kohleberge. Aber weil sich das nach innen richtet, muss weniger gebrüllt werden. Dafür fließt reichlich Alkohol, meist stilecht Bier aus Dosen.

          Wollust-Überfälle auf Faber

          Die Spannungen innerhalb des Kommissariats - es gibt sie durchaus - überlagern diesmal also nicht die Krimihandlung, die wohltuend unspektakulär und doch dramatisch daherkommt: Eine Frau glaubt ihr vor vierzehn Jahren verschwundenes Kind wiederentdeckt zu haben; kurz darauf ist der Ehemann dieser Frau tot. Es ist erstaunlich, wie viele Wendungen sich diesem recht überschaubaren Plot abgewinnen lassen. Außerdem werden wir weitgehend verschont mit der immer leicht albernen Einfühlungsnummer Fabers. Man könnte es gar eine förmliche Distanzierung nennen, dass Kossik und Dalay diesen Auftritt lustig böse nachäffen dürfen. Am Ende hat auch noch - so viel Kalauer erlaubte man sich mit Blick auf den Titel - Kommissar Kaltschnauze seinen Einsatz, also ein vierbeiniger, wie man bei diesem Team vielleicht dazusagen muss.

          Das hohe Tempo der Szenen- und Einstellungswechsel wird beibehalten. Die Reminiszenzen hätten vielleicht etwas zurückhaltender ausfallen dürfen. An Ulrich Seidls abgründigen „Hundstage“-Film erinnern nicht nur die Wollust-Überfälle auf Faber (der freilich abwehrt), sondern im Grunde alle Figuren in ihrer Exzentrik. Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ mit den ums Kind streitenden Müttern (Maren Eggert und Anne Ratte-Polle) bis ins Detail nachzustellen wirkt wiederum überambitioniert, zumal es ermittlungstaktisch sinnlos ist. Aber das fällt nicht wirklich ins Gewicht, wenn man derart überzeugenden Darstellern wie Anna Schudt und Jörg Hartmann zusehen darf. Mag Faber zuletzt immer offensiver mit dem Gedanken gespielt haben, irgendwo anders vielleicht besser aufgehoben zu sein, so bekommt er diesmal endlich die Kurve. Er findet, nachdem er ganz unten war, einen inneren Halt - und mit ihm der Dortmunder „Tatort“, der in Zukunft möglicherweise etwas entspannter, aber sicher nicht schlechter wird.

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