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„Tatort“ aus Berlin : Und fertig ist die Liebe

Liebe als Ritualpflege: Nina Rubin (Meret Becker) und Viktor (Aleksandar Tesla) beim abendlichen Zähneputzen im Bad. Bild: rbb/H. J. Pfeiffer

Im Berliner „Tatort. Amour Fou“ haben es die zänkischen Kommissare Robert Karow und Nina Rubin mit Zuneigung und Hass im Übermaß zu tun. Wo bleibt da die im Titel erwähnte Liebe?

          Der Liebe Spielarten gibt es viele und so lange dabei keiner ernsthaft an Leib und Seele verletzt wird, ist das auch gut so. Kompliziert wird es, wenn man sie allesamt in einem Fernsehkrimi verhandeln will, so wie es sich die Regisseurin Vanessa Jopp in diesem Berliner „Tatort“ vorgenommen hat. Hieß der letzte „Tatort“ aus München noch „Die Liebe ist eine seltsames Spiel“ – Connie Francis lässt grüßen – klingt auch dieser Titel, „Amour Fou“, eher nach Kapitulation vor emotionaler Überforderung, als nach dunkel glühender Ahnung, es könne etwas Schreckliches geschehen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn hier wird fast keine Konstellation der romantischen wie der familiären Zuneigung ausgelassen: Es geht um Mann und Frau, Mann und Mann, Mann und Junge, Junge und Mädchen, Kommissar und Mann, Arzt und Kommissarin, Mutter und Sohn, Sohn und Vater, Lehrer und Schüler. Erzählt wird die Geschichte von den Menschen und der Liebe und wohin diese sie mitunter treibt, als eine von Mensch und Meer (Drehbuch Christoph Darnstädt) ohne, dass je Land in Sicht wäre. Das ist nicht besonders originell, auch nicht, wenn man es in Charles Trenets sanft rollenden Chanson-Klassiker „La Mer“ wickelt.

          Als Zuschauer ist man gern dabei, wenn die Fetzen fliegen

          Doch zunächst einmal geht es nicht um Sanftmut: In einer Laube nahe dem Tempelhofer Feld wird eine verkohlte Männerleiche gefunden, über die sich die verkaterte Kriminalhauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker mit nervender Berlin-an-der-Bar-Ponyfrisur) und ihr äußerst ergebnisorientierter Kollege Kriminalhauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke) gleich formidabel in die Haare kriegen. Rasch ist der Personalausweis des Opfers gefunden. Er gehört Enno Schopper, einem jungen Lehrer, der aus seinem Schwulsein kein Geheimnis machte und an einer Neuköllner „Problemschule“ unterrichtete, in der laut Schulleiter „achtzig Prozent der Schüler Migrationshintergrund haben“, wovon „79 Prozent“ homophob seien. Solche Sätze werden eine ganze Weile einfach so stehen gelassen.

          Innerhalb des Plots beginnt es unterdessen unübersichtlich zu werden. Katalysator allen Übels ist das Gerücht, Enno Schopper habe sich in der Umkleide an seinem Protegé und Schüler Duran vergangen. Es gibt nun allerhand Verdächtige: Armin Berlow (Jens Harzer), der Lebensgefährte des Lehrers, die Plattenbausiedlungsjungs Stipe (Aaron Hilmer) und Mirko (Ali Orcan) und Freunde von Duran – Kinder derer, die einst aus dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland geflohen sind –, Durans Vater, ein vorbestrafter Kleinkrimineller auf der Flucht und nicht zuletzt Durans Freundin Jasna (Lisa Vicari).

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          Gewohnt streitlustig und wortgewaltig bearbeiten Rubin und Karow diesen Fall, der allerdings etwas zu vertrackt gerät. Die Dialoge zehren vor allem von der Lebendigkeit und glaubwürdigen Schnoddrigkeit Meret Beckers: „Sie haben ja wohl einen an der Mütze“, schleudert sie dem smarten Kollegen entgegen. Da ist man als Zuschauer gern dabei, wenn die Fetzen fliegen. Nur manchmal sagen hier Menschen unsinnige Dinge wie: „Soll ich Kontakt machen?“ Neben den Ermittlern gibt auch Jens Harzer eine vielschichtigen schwer zu spielenden Charakter, der nur angelegentlich durch seine gehauchte Säuselstimme etwas überspielt wirkt.

          Die Klischees auf beiden Seiten – homo wie hetero – überstrapaziert der Film nicht. Stattdessen schafft er, ohne durch seine Bildgestaltung (Kamera Judith Kaufmann, Schnitt Jochen Retter) weiter aufzufallen, intime Szenen – Stipes zart zitternde Annäherungsversuche an Jasna – und atmosphärische Dichte. Die Stadt Berlin dient in diesem „Tatort“ ausnahms- und angenehmerweise wirklich mal nur als fast beliebiger Hintergrund. Nur das Wer-war-es-Puzzle überfordert am Ende nicht nur die Kommissare. Aber schließlich sind auch Liebe und Meer an vielen Stellen nur schwer ergründlich. Gut, wer gelassen darüber hinweg treiben kann.

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