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TV-Kritik: Günther Jauch : Wut der Griechen oder Wut auf die Griechen?

  • -Aktualisiert am

Saß mit seiner Talkrunde zunächst im Dunkeln: Günther Jauch Bild: dpa

Angesichts eines Stromausfalls bei Jauch war schnell von „griechischen Verhältnissen“ die Rede. Man sollte besser über „deutsche Verhältnisse“ reden. Und nicht vergessen, wer vor ein paar Jahren noch als „kranker Mann Europas“ galt.

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          Zum Bundesligaauftakt fiel im Bremer Weserstadion am 7. August 2004 der Strom aus. Die Partie des damaligen Deutschen Meisters gegen Schalke 04 konnte erst mit 65 Minuten Verspätung angepfiffen werden. Die Aufregung war groß - nur nicht in Griechenland. Das Land schien zu diesem Zeitpunkt alle Skeptiker widerlegt zu haben, die im Jahr 2000 gegen den Euro-Beitritt opponiert hatten. Die Wachstumsraten waren solide, die Arbeitslosigkeit sank. Die Olympischen Spiele in Athen begannen fünf Tage später und wurden von den meisten der damaligen Beobachter als positiv bewertet. Griechenland, so schien es, war zu einer Erfolgsgeschichte geworden.

          Gestern Abend fiel auch im Berliner Gasometer der Strom aus. Er dient Jauch als Veranstaltungsort für seine Show, und der Stromausfall verzögerte den Sendebeginn um 20 Minuten. Vom Gewinn der Meisterschaft redet in Bremen schon lange niemand mehr. Die Sportstätten in Athen sind in einem trostlosen Zustand, genauso wie jeder schon längst vergessen hat, was er 2004 über Griechenland gesagt haben könnte. Jedenfalls wird damals niemand im Traum an das gedacht haben, was gestern Abend bei Jauch diskutiert wurde.

          Klischees über Griechenland

          Es war angesichts des Stromausfalls von „griechischen Verhältnissen“ im Berliner Gasometer die Rede. Wer den Schaden hat, muss bekanntlich für den Spott nicht sorgen. Passenderweise war Griechenland das Thema gewesen: „Der Euro-Schreck - Wohin führt die Griechen-Wut?“ Allerdings hatten die Griechen die Olympischen Spiele auch ohne Stromausfälle wie in Bremen bewältigt.

          So meldete die ARD den Stromausfall vor Beginn der Sendung.
          So meldete die ARD den Stromausfall vor Beginn der Sendung. : Bild: dpa

          Leider haben sich Jauchs Gäste nicht an diesen Bundesligaauftakt der Saison 2004/2005 erinnert, und an ihre damalige Sichtweise auf das heute schwer angeschlagene Land in Südeuropa. Es hätte durchaus nützlich sein können, um der allgemein verbreiteten Neigung zu widerstehen, alles schon immer vorher gewusst zu haben. Der Titel der Sendung erinnerte daran, wie in den vergangenen drei Monaten über Pegida diskutiert wurde. Ohne ein gewisses Maß an Wut scheint man solche Debatten nicht mehr führen zu können. Doch was war eigentlich gemeint gewesen: Die Wut der Griechen oder die Wut auf die Griechen?

          Der Titel also war durchaus doppeldeutig, und eines musste man Jauch gestern Abend lassen: Er bemühte sich darum, die bisherige deutsche Debatte über den Wahlausgang in Griechenland zu hinterfragen. Etwa jenen Satz über die Deutschen, die immer zahlen werden, der dem neuen griechischen Finanzministers Yanis Yaroufakis zugeschrieben wird. Er sei, so Jauch, bei uns aus dem Zusammenhang gerissen worden. Tatsächlich habe man ihm damit das Gegenteil dessen in den Mund gelegt, was der Minister tatsächlich gesagt habe.

          An Klischees über Griechenland herrscht auch kein Mangel, wie gestern Abend deutlich wurde. So machte der deutsch-griechische Journalist Michalis Pantelouris deutlich, worum es bei der geplanten Wiedereinstellung von Beamten geht. In Wirklichkeit sollten damit lediglich Entscheidungen des obersten Gerichtshofes in Athen umgesetzt werden, die deren Entlassung als rechtswidrig beurteilten. Es sind solche Fehlinformationen, die die bisherige deutsche Debatte bestimmen, in der jeder sein bisheriges Bild über Griechenland bestätigt sehen will. Sie kommen bisweilen von den gleichen Leuten, die noch 2004 die gelungenen Olympischen Spiele feierten und wegen eines Stromausfalls in Bremen Deutschland vor dem Untergang sahen. Bekanntlich galt damals Deutschland, und nicht Griechenland, als der „kranke Mann Europas“.

          Ursache des ökonomischen Desasters

          Dabei waren sich Jauchs Gäste durchaus einig, wenn es um die Situationsbeschreibung in Griechenland ging. Von Bernd Lucke, er kam passenderweise gerade aus Bremen vom Bundesparteitag der AfD, bis zur Vorsitzenden der Linken, Katja Kipping, gab es kaum Dissens über die desaströsen sozialen und ökonomischen Verhältnisse. Die ARD-Journalistin Anja Kohl fasste das so zusammen: Die Wirtschaftsleistung sei um 25 Prozent geschrumpft, und ein Drittel der Griechen lebten mittlerweile unter der Armutsgrenze. Den 3,6 Millionen Beschäftigten ständen dafür 1,3 Millionen Arbeitslose gegenüber. Außerdem seien seit 2010 120.000 Unternehmen bankrott gegangen und die Selbstmordrate um 40 Prozent gestiegen. Es habe sich, so Frau Kohl, um einen „dramatischen Aderlass“ gehandelt. Der Wahlsieg der Linken sei entsprechend als ein „Hilfeschrei“ zu bewerten.

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