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Schirachs „Terror“ in der ARD : Eine Frage der Schuld

Frank Plasberg und seine Gäste Bild: WDR/Dirk Borm

Die Zuschauer der ARD haben zu dem Film „Terror“ ihr Urteil gefällt: Freispruch für den Piloten, der ein Flugzeug abschießt. Ist das gefährlicher Populismus? Nur auf den ersten Blick.

          4 Min.

          Mit dem Zuschauervotum ist das so eine Sache. Es dauert keine drei Minuten, und schon ist es vorbei. Eben erst ist der Fernsehfilm „Terror“ nach dem Theaterstück von Ferdinand von Schirach zu Ende. Eben erst sagt Frank Plasberg in der nachfolgenden Talkshow „Hart aber fair“, man habe eine Viertelstunde Zeit, in sich zu gehen, da prangt unten am Bildschirm schon das Signet: „Das Votum ist beendet.“ Beendet? Bitte?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nicht wenige, die mitmachen wollten, dürften in der kurzen Zeit nicht durchgekommen sein. Bei uns jedenfalls ist die angegebene Durchwahl besetzt und hängt sich die angegebene Seite im Internet auf. No Vote! Das Ergebnis, das Frank Plasberg verkündet, ist dafür umso eindeutiger: 86,9 Prozent derer, die votieren konnten, haben dafür plädiert, den angeklagten Luftwaffenpiloten Lars Koch, der ein von einem islamistischen Terroristen gekapertes Flugzeug abgeschossen hat, um 70.000 Menschen in der Allianz Arena in München zu retten, „nicht schuldig“ zu sprechen, 13,1 Prozent sind für „schuldig“. In Österreich gibt es es geisterhafterweise exakt dasselbe Abstimmungsergebnis, in der Schweiz ist es ebenfalls eindeutig: 84 Prozent für „nicht schuldig“.

          Worüber haben wir abgestimmt?

          Doch was heißt das? Worüber haben die Fernsehzuschauer hier eigentlich abgestimmt? Über das Grundgesetz und über die Menschenwürde, meint der FDP-Politiker Gerhart Baum, und sieht sich in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt, die er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung formuliert hatte: Ferdinand von Schirach führe die Menschen mit seinem Stück „in die Irre“, und habe etwas losgetreten, „was er nicht mehr im Griff hat“. „Millionen von Menschen“, sagt Baum am Ende der Sendung, zu der ihm Plasberg das Schlusswort überlässt, „waren heute als Richter tätig. Das ist doch schrecklich.“ Die Abscheu vor der vox populi ist Baum anzusehen, er ist die ganze Sendung über außer sich.

          Aber stimmen die Zuschauer wirklich über das Grundgesetz ab? Suspendieren sie dessen ersten Artikel und die Unantastbarkeit der Menschenwürde? Machen sie sich zu Herren über Leben und Tod und spielen Gott, wie dies im Film die von Martina Gedeck gespielte Staatsanwältin dem Luftwaffenoffizier Lars Koch (Florian David Fitz) vorhält? Oder stimmen sie dem früheren Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) zu, der sich in Plasbergs Runde in seiner Auffassung bestätigt sieht, hier handele es sich um übergesetzlichen Notstand und gehe es zuvörderst um die Frage, ob die 70.000 Menschen im Fußballstadion gerettet werden konnten?

          So beschränkt sind die Zuschauer nicht

          Nach unseren Dafürhalten traut man den Zuschauern, Lesern, Theaterbesuchern, Bürgern zu wenig zu, wenn man denkt, sie hielten dies für ein Leichtes und seien nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich hier um ein Theaterstück respektive einen Fernsehfilm respektive eine Versuchsanordnung handelt und sie die Laienrichter nur spielen. Sie sitzen nicht zu Gericht, sie „urteilen“, weil das im Stück so vorgesehen ist, in Wahrheit aber nehmen sie moralisch Stellung, ohne dass ihnen die Möglichkeit gegeben wäre, dies so ausführlich zu begründen wie die Juristen im Stück.

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