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TV-Kritik: Maischberger : Politiker und der mündige Bürger

  • -Aktualisiert am

ARD-Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Manchmal kann man aus Talkshows etwas lernen. Bei Sandra Maischberger etwa wurde deutlich, warum die Flüchtlingskrise zu einer innenpolitischen Krise werden konnte.

          Es gibt da den Begriff des „mündigen Bürgers“. Dessen Aufgabe muss wohl darin bestehen, Politikern genau zuzuhören, wenn sie ihm etwas geduldig erklären. Etwa, wie kompliziert die Welt sei, und dass es keine einfachen Lösungen gebe. Dafür darf dieser mündige Bürger den Politikern seine „Ängste und Sorgen“ mitteilen, damit diese sich darum kümmern.

          So ein Bürger freilich wäre nicht mündig, sondern eher vergleichbar mit einem Grundschüler vor seinen Eltern. Trotzdem wurde am Mittwochabend dieses zutiefst patriarchalische Verhältnis von Bürgern zu Politikern proklamiert. Vor allem vom stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, den einmal mehr die Gelegenheit bekam, den Zuschauern die Position der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise zu vermitteln.

          Warnung vor „Sprachpolizei“

          „Hass auf Flüchtlinge, Regierung zerstritten: Spaltet Merkel das Land?“, so lautete das Thema bei Sandra Maischbergers Talkrunde. Es wurde zum Glück nicht der obligatorische Schlagabtausch zwischen den mittlerweile verfeindeten Lagern in der Flüchtlingspolitik. Das lag vor allem am früheren Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, der sich gleich zu Beginn der Sendung nicht den Mund verbieten lassen wollte. Natascha Kohnen (SPD) hatte den früheren Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) für den Gebrauch des Wortes „Notstand“ gerügt. Das, so die Generalsekretärin der Bayern-SPD, wäre eine „Enthemmung der politischen Sprache“. Tiedje verwahrte sich gegen diese Form der „Sprachpolizei“. Es ist tatsächlich der moderne Versuch, die früher so genannte „Luftherrschaft über den Stammtischen“ zu gewinnen. Heute nennt man das lediglich „Diskurshoheit“, um eigene politische Positionen durchzusetzen.

          Das funktionierte diesmal nicht. Deshalb vermittelte diese Sendung einen guten Eindruck davon, warum das Land mit der Flüchtlingskrise in eine fundamentale innenpolitische Krise geraten konnte. Erwachsene brauchen keine Politiker, die ihnen die Welt erklären. Deren Führungsaufgabe liegt vielmehr darin, den Wähler von der Plausibilität der eigenen Position zu überzeugen. Das geschieht in repräsentativen Demokratien durch die Vorstellung politischer Alternativen. Die Vereinigten Staaten liefern dafür zur Zeit genügend Anschauungsmaterial. Zwischen dem Republikaner Donald Trump und dem Demokraten Bernie Sanders liegen zweifellos Welten.

          Es geht in funktionierenden Demokratien gerade nicht um „die Politiker“ und „den Bürger“. Vielmehr existieren in der Politik und in der Bürgerschaft höchst unterschiedliche Vorstellungen, die um die Mehrheit ringen. Die Bürger brauchen keinen Laschet, Ramsauer oder eine Frau Kohnen, um sich von ihnen die Welt erklären oder die „Ängste und Sorgen“ nehmen zu lassen. Sie wollen überzeugt werden. Das ist etwas anderes.

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