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TV-Kritik „Maischberger“ : Kann der Staat seine Bürger noch schützen?

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Anekdoten aus der guten, alten Zeit

Ihn repräsentierte der 73 Jahre alte Siegfried Massat. Ein früherer Berufseinbrecher, der mehr als 25 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat. Er wäre in seiner aktiven Zeit wohl nicht auf die Idee gekommen, für vergleichsweise geringe Beute in fremde Wohnungen einzusteigen. Insofern hatten Massats Ausführungen etwas Anekdotisches aus der guten, alten Zeit. Einbruchskriminalität ist heute nicht mehr auf die gut situierten Villenviertel beschränkt. Sie kann sprichwörtlich jeden treffen.

Das versuchte Sandra Maischberger am Beispiel der Geschichte zweier ihrer Gäste deutlich zu machen. Zum einen an der Moderatorin Marijke Amado, die in ihrem Dorf in der Nähe von Maastricht im Jahr 2009 Opfer eines Einbruchs wurde. Seitdem kam es zu weiteren Einbrüchen an ihrem Wohnort, allein in ihrer Straße im vergangenen Jahr in fünf weiteren Häusern. Die niederländische Polizei, so Marijke Amado, habe auf ihren Fall mit Fatalismus reagiert. Mittlerweile versuchen sich die Bewohner ihres Heimatortes selber zu helfen. So nutzen sie soziale Medien als Frühwarnsystem, um auf verdächtige Autos hinzuweisen. Frau Amado will sich von den Einbrechern nicht „vorschreiben lassen, wie ich mit anderen Menschen umgehe“. Aber Unsicherheit bestimmt das Lebensgefühl, wenn am Ende jedes fremde Auto als potentielle Bedrohung betrachtet wird.

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Eine andere Erfahrung mit der Polizei machte zwar der Pfarrer Jürgen Behr aus Remscheid. Sie konnte einen der beiden Täter, die in sein Pfarrhaus einbrachen, ermitteln. Der Albaner wurde mittlerweile zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Dieses hohe Strafmaß war eine Folge der Gewaltbereitschaft der Täter, die gerade nicht dem klassischen Bild eines Einbrechers wie Massat entsprach. Eine existentielle Gewalt-Erfahrung, wie sie der Pfarrer Behr machen musste, prägt einen Menschen. Er verliert das Grundvertrauen in seine persönliche Sicherheit. Selbst wenn man sich „von solchen Menschen nicht diktieren lassen will, wie man auf andere Menschen zugeht“, wie es Behr ausdrückte.

Handlungsfähigkeit des Staates

Die Politik muss aufpassen, dass eine Debatte darüber nicht die Folgen hat, die Katja Triebel formulierte. Sie betreibt ein Waffengeschäft in Berlin und berichtete über die spürbare Verunsicherung der Bürger in den vergangenen Monaten. Die Nachfrage nach Eigensicherung durch die Anschaffung erlaubter Waffen, wie Pfefferspray, habe sprunghaft zugenommen. Frau Triebel plädierte für eine Liberalisierung des restriktiven deutschen Waffenrechts, um den „verantwortungsbewussten Bürgern“ die Möglichkeit zur Selbstverteidigung zu geben.

Studt und Fiedler wiesen auf das Eskalationspotential dieses Ansatzes hin, der gerade nicht zu dem führt, was man sich von ihm verspricht: mehr Sicherheit. Das Gegenteil wäre zu erwarten, wie nicht zuletzt die Erfahrungen in Amerika dokumentieren. Erlebnisse wie die des über Stunden von seinen Peinigern misshandelten Pfarrers Behr aus Remscheid, müssen allerdings die Ausnahme von der Regel bleiben. Und eben nicht in der Perspektive der Bürger zur Regel selbst werden, die als abstrakte Bedrohung ihre Lebenswelt bestimmt.

Einbrüche und Gewaltkriminalität hat es schon immer gegeben. Aber erst durch den Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit des Staates kommen die Bürger auf die Idee, sich wie Frau Triebel um ihre Sicherheit selbst kümmern zu müssen. Das Ausweichen in Sicherheitsoasen ist nämlich für die meisten Bürger zumeist keine Alternative. Um das zu wissen, braucht man zum Glück noch nicht einmal die Daten einer Anwaltskanzlei aus Panama. Dafür reicht eine Talkshow.

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