https://www.faz.net/-gsb-8xyns

TV-Kritik „Maischberger“ : Wahlkampf in Entenhausen

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger im Gespräch mit dem CDU-Generalsekretär Peter Tauber: Klartext oder doch eher Blindtext? Bild: © WDR/Oliver Ziebe

Sandra Maischberger will vor der Bundestagswahl von ihren Gästen Klartext hören. Doch weder die Moderatorin noch ihre Gäste kommen auf die Idee, danach zu fragen, wie es da draußen in der Welt aussieht.

          4 Min.

          Schon der Titel der Sendung zündet eine Nebelkerze: „Klartext“ ist Blindtext. Weder kann man Ralf Stegner (SPD) vorwerfen, dass er immer so missmutig dreinschaut, noch Katja Suding (FDP) ankreiden, dass sie so redet wie eine PR-Frau. CDU-Generalsekretär Peter Tauber wird von Frau Maischberger so nebenbei des Generals beraubt. Sahra Wagenknecht kann für die Linke stolz darauf sein, als erste den Entwurf eines Wahlprogramms vorgelegt zu haben. Das geht der Linken leicht von der Hand, solange Regierungsverantwortung nicht in Sicht ist. Von den Grünen und von der AfD war niemand da.

          Weder die Moderatorin noch ihre Gäste kamen auf die Idee, danach zu fragen, wie es da draußen in der Welt aussieht. Die Diskussion und die Wahlkampagnen der Parteien wirken daher wie Scharaden unter einem Glassturz. Solange die Mimik und das Bühnenbild stimmen, kann ja nichts schief gehen. Ein feierlicher Aberglaube übernimmt die Regie. Damit dieser Eindruck nicht entsteht, forciert Frau Maischberger das Tempo, als helfe das, Sinnfragen zu vermeiden.

          Arena für einen europäischen Masterplan?

          Welche Folgen hat die sich beschleunigende Abwärtsspirale der Trump-Regierung? Welche Anstöße gibt der neue französische Präsident für die Europäische Union und die deutsch-französische Zusammenarbeit? Welche deutschen Spitzenpolitiker sprechen so gut Französisch wie mehrere Minister Macrons und sein Premierminister Deutsch?

          Macron und sein Kabinett scheinen besser auf Deutschland vorbereitet zu sein als die Bundesregierung auf die neuen Partner.  Das Abwarten, das Hinhalten und das Hinauszögern lassen sich nicht so wie bisher fortsetzen. Das spräche dafür, den Wahlkampf zur Arena für einen europäischen Masterplan zu machen, den französischen Impuls als  Aufbruchssignal für die deutsche Politik zu verstehen. Nur ist niemand in Sicht, der mit einer solchen Agenda dazu bereit wäre, die Entenhausen-Blase der deutschen Politik zu verlassen.

          Die Rochade an der SPD-Spitze hat nur vorübergehend den Eindruck erweckt, dass aus ihr so ein Impuls kommen könnte. Wer Nordrhein-Westfalen zur Herzkammer der Sozialdemokratie erklärt, scheint vergessen zu haben, dass diese Herzkammer bis 1966 von der CDU regiert wurde. Ralf Stegner nimmt die Wahlniederlagen seiner Partei nicht zum Anlass, die politischen Ziele der SPD zu überprüfen. Am Abgestraftwerden kann man also Gefallen finden. Peter Taubers Freude, zwei amtierende Regierungen durch Wahlen abzulösen, wird nicht getrübt durch die im historischen Vergleich blamablen Zahlen. In Entenhausen rechnet man sich eben alles schön.

          Die Begleitmusik dazu liefern die Medien, die, wie Robin Alexander sagt, erst „Hosianna!“ und dann „Kreuziget ihn!“ schreien und damit die christliche Heilsgeschichte postsäkular auf den Kopf stellen. Der politische Betrieb und seine medialen Beobachter unterhalten eine Art von bipolarer Störung als Beziehung zu einander. Das führt zu Katzenjammer.

          Rhetorische Kosmetik

          Frau Suding illustriert für die FDP die große Leichtigkeit des Seins. Trotz fast 30jähriger Regierungsbeteiligung konnten die Liberalen mit einem Spitzensteuersatz von 53 Prozent und durchregulierten Arbeitsmärkten sich komfortabel Pfründe sichern. Dass die SPD mit den Grünen politisch durchsetzte, was die Liberalen immer nur als Mantra gebetet hatten, werden sie ihr nicht verzeihen. Kein Wunder, dass Frau Suding vorsichtige Korrekturen der Agenda 2010 für abwegig erklärt. So missrät Politik zu rhetorischer Kosmetik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street

          Doch wieder Brexit-Gespräche : Sie verhandeln auf der roten Linie

          London und Brüssel verhandeln nun doch weiter über eine künftige Partnerschaft. Aber reichen drei Wochen mehr Zeit aus, um die Gräben zu überwinden? Fest steht: EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat wenig Spielraum.
          Mit einem Schild vor der Tür können Amerikaner ihre politischen Vorlieben ausdrücken.

          Durch Dörfer in Ohio : Von Tür zu Tür auf Stimmenfang

          Der Republikaner Rob Weber möchte für Ohio in den Kongress einziehen. Dafür sucht er den Kontakt zu den Wählern. Politisch steht er hinter Präsident Trump. Auf einen Corona-Schutz verzichtet er.
          Abschied vom Tennis: Julia Görges beendet ihre Karriere.

          Görges tritt ab : Die Nummer zwei und die Angst vor der Dürre

          Tennisspielerin Julia Görges stand stets ein wenig im Schatten von Angelique Kerber. Dabei war ihr Talent vergleichbar groß. Ihr abruptes Karriereende nährt die Angst vor einer langen Dürreperiode im deutschen Frauentennis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.