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TV-Kritik: Maischberger : „Ihr werdet euch noch wundern!“

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste Bild: WDR/Max Kohr

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über Amokläufer. Was treibt sie an? Kann man die Taten kommen sehen und verhindern? Die Antworten darauf sind komplex.

          Wie sehen Angehörige von Amok-Opfern diesen Film? „Die Stille danach“ schildert die Verzweiflung der Mutter eines Amokläufers. Was hat ihn zu der Tat getrieben, hätte sie diese Tat verhindern können? War ihr Mann daran schuld, weil er eine Waffe unverschlossen im Nachttisch aufbewahrte? War seine Schwester schuld, weil sie das Video verheimlichte, das sie von Schießübungen ihres Bruders machte?

          Gisela Mayer verlor in Winnenden ihre Tochter, die als Referendarin an der Schule arbeitete. Sie erkennt Fragen wieder, die sie sich selbst gestellt hat. Ähnlich geht es Pascal Mauf, einem Mitschüler des Amokläufers von Erfurt. Arbnor Segashi hat bisher keine Gedanken an die Familie des Täters verschwendet, der im Juli dieses Jahres in München auch seine Schwester erschoss.

          Die Kriminologin Britta Bannenberg hat das Umfeld von Amokläufen erforscht. Die Familien der Täter seien divers. Nur wenige seien zu Gesprächen mit Forschern bereit. Es gebe gemeinsame Merkmale: Die Täter kämen eher aus gut situierten bis wohlhabenden Familien. Der Blick hinter ihre Kulissen bezeuge ein mangelndes Vertrauen zwischen Eltern und Kind, auch zwischen Geschwistern. Die Täter isolierten sich, seien weder aggressiv noch drogenabhängig. Als Einzelgänger hingen sie an ihren Computern, wollten nicht reden.

          Kann man Amokläufer erkennen und sie von ihren Plänen abbringen? Tatsächlich gebe es Symptome. Die Täter hätten das Bedürfnis, darüber zu reden, was in ihnen vorgehe, stießen vage Drohungen aus. Das erlaube aber nicht zu behaupten, Eltern seien an einem Amoklauf schuld.

          Verlust des Zeitgefühls

          Nach dem Amoklauf eines18-jährigen in München erlebte Pascal Mauf eine Schockstarre, Wut über den Täter und Unverständnis darüber, dass die Waffengesetze nicht verschärft worden seien. Tatsächlich war im ARD-Film, ähnlich wie in Winnenden, die Tatwaffe im Elternhaus frei zugänglich. Der Münchner Täter hatte seine Waffe über das Darknet besorgt.

          Im April 2002 schrieb Pascal Mauf seine letzte Abiturklausur, als von den Fluren Lärm hörbar wurde. Eine aufsichtsführende Lehrerin habe in den Flur geschaut und sei sogleich vor den Augen ihrer Schüler erschossen worden. Er und die anderen Schüler hätten sich unter ihre Tische gehockt, bis ein zweiter Lehrer die Tür mit einem Schrank versperrt hätten. Sehr eindrücklich beschreibt Mauf den Verlust jedes Zeitgefühls, erinnert sich daran, dass eine Mitschülerin den Täter an seinen Augen erkannt habe. Nach etwa zwei Stunden habe ein Polizist an die Tür geklopft und die Schüler auf verschlungenem Weg in Sicherheit gebracht. Auf dem Weg seien sie an vielen erschossenen Lehrern vorbeigelaufen.

          Kriminologin Bannenberg beschreibt die Motive des Täters. Der Schulverweis sei nicht das Motiv gewesen. Dem Täter sei es möglich gewesen, eine andere Schule zu besuchen. Er habe Rache nehmen wollen. Er habe sich überfordert gefühlt, habe die Schule gehasst, sei neidisch auf Mitschüler, denen alles leichter gelungen sei als ihm, habe sich über den Amoklauf an der Columbine High School informiert. Amokläufer seien extrem kränkbar und fühlten sich durch alltägliche Erlebnisse persönlich gedemütigt. Die Darstellung des Films über die Tatmotive habe nichts mit der Realität zu tun. Die Wut der Täter richte sich nicht als Rache auf Einzelpersonen. Das gelte auch für den Amokläufer von Winnenden.

          Was heißt „es sieht sehr schlecht aus“?

          Frau Mayer hatte die Nachricht vom Amoklauf anfangs gar nicht ernst genommen. So was gab es in ihrer Welt nicht. Da hat vielleicht ein Schüler einen Stuhl durch das Fenster geschmissen? Die erste Nachricht, dass geschossen werde, aber keine Lehrer unter den Opfern seien, habe sie erleichtert. Mit ihrer jüngeren Tochter sei sie schließlich in das Informationszentrum gefahren und habe nachgefragt. Niemand habe gewagt, ihr zu sagen, dass ihre Tochter zu den Opfern gehört habe. Sie habe sich aber auch geweigert, das zu verstehen. Was heißt es denn, wenn es sehr schlecht aussieht? Was ist das für eine Aussage? Man habe ihr auch nicht erlaubt, ihre Tochter zu sehen. Sie habe sie erst gesehen, als sie im Sarg gelegen habe. Sie habe gefühlt, wie der Boden unter ihren Füßen weggezogen worden sei. Noch Monate später sei nicht dazu imstande gewesen zu sagen, dass ihre Tochter tot war. Die Idee, ihr den Anblick der Tochter zu ersparen, erlebt sie als schrecklichen Fehler. Es habe zwei Jahre ihres Lebens gekostet hat, mit dieser Lücke fertig zu werden.

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