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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Gefangen in der Authentizitätsfalle

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Sandra Maischberger wählt das Format der Publikumsdebatte, um sich dem Thema Gerechtigkeit zu widmen. Bild: WDR/Thomas Kost

Sandra Maischberger widmet sich mit einer Publikumsdebatte dem Thema Gerechtigkeit. Schnell sind die anwesenden Politiker angesichts der Einzelschicksale überfordert.

          Im kommenden Bundestagswahlkampf wird es viel um Gerechtigkeit gehen. Mit dieser Annahme steht Sandra Maischberger nicht alleine da. Die Moderatorin nahm ihre Vermutung zum Anlass für eine Neuauflage ihrer Publikumsdebatte. Es sollten Bürger zu Wort kommen, die ihre Meinungen und Sichtweisen erläutern. Denn im Gegensatz zu Interessengruppen und der Politik wird ihnen ein hohes Maß an Authentizität zugebilligt. Das konnte man auch gestern Abend in Maischbergers Sendung wieder erleben.

          Denn eine Interessengruppe, die vor Wahlen feststellt, ihr ginge es zu gut, muss erst noch erfunden werden. Es ist schließlich das Wesen von Lobbys, ihre Erwartungen und Ansprüche zu formulieren. Sie müssen allerdings verallgemeinerungsfähige Argumente finden, um sich durchzusetzen. Dafür gibt es zwei Klassiker: Entweder den gesamtgesellschaftlichen Nutzen herauszustellen oder an die moralischen Gefühle der Gesellschaft zu appellieren. Ohne das wären Lobbys nichts anderes als quengelnde Kinder vor den berühmten Supermarktkassen. Es ist die Aufgabe der Politik aus diesen widerstreitenden Interessen das Gemeinwohl herauszufinden. Dieses ist nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit zu bestimmen, sondern selbst wieder Gegenstand des politischen Streits. Es ist der Kern der Politik.

          Drei Jobs sind nicht genug

          Wie authentisch hingegen „normale“ Bürger sind, zeigte sich in Maischbergers Sendung erleben. So erfuhren wir von einer Mutter, die mit drei Jobs lediglich auf tausend Euro Nettoeinkommen kommt, und von einem früheren Hauptschullehrer, dessen Erwerbsunfähigkeitsrente nicht für das Existenzminimum reicht. Oder vom Schicksal eines Mannes, der nach einem Schlaganfall und der Trennung von seiner Lebensgefährtin unversehens in München zum berufstätigen Obdachlosen wurde. Diese Beispiele sollten Armutsrisiken deutlich machen. Es widerspricht wahrscheinlich dem Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen, wenn Mütter mit drei Jobs auf keinen grünen Zweig kommen. Oder jemand unter einer Brücke schlafen muss, weil es in München für Menschen mit niedrigen Einkommen fast unmöglich geworden ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

          SPD-Generalsekretärin Katarina Barley zeigt bei Maischberger Verständnis, will den Fall des früheren Hauptschullehrers aber nicht beurteilen, da sie die Umstände dieses Einzelfalls nicht kenne.

          Die anwesenden Politiker, die SPD-Generalsekretärin Katarina Barley und der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus, reagierten auf diese Aussagen zurückhaltend. Frau Barley wollte den Fall des früheren Hauptschullehrers nicht beurteilen. Sie würde die Umstände dieses Einzelfalls nicht kennen. Brinkhaus drückte seine Wertschätzung für die Mutter mit den drei Jobs aus, sich trotz solcher widriger Umstände den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Diese Zurückhaltung der Politiker ist durchaus nachvollziehbar. Sie sollen sich zu Lebensschicksalen äußern, die sich aber einer politischen Beurteilung entziehen. Als Menschen haben sie Mitgefühl, aber als Politiker werden sie die Konsequenzen ihres Handelns bedenken. Etwa wenn ihnen jemand aus dem gleichen Publikum erläutert, warum er die Steuer- und Abgabenbelastung der gut verdienenden Mittelschicht für zu hoch hält. So argumentierte ein „Jurist und Unternehmer“ aus Lünen, der schon als Student hart arbeitete anstatt etwa auf Studentenpartys zu gehen. So unterschiedlich sind die Lebenslagen von Menschen, sicherlich nicht nur im Publikum von Frau Maischberger.

          „Jeder ist seines Glückes Schmied“

          Ein Berliner Rentner brachte das gut auf den Punkt. Er formulierte eine zeitgenössische Variante von „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Der frühere Hauptschullehrer erschien ihm noch als arbeitsfähig, sein eigener Lebensweg als exemplarisch für ein selbstbestimmtes Leben. Letztlich wäre dieser Sozialstaat überreguliert und jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich. Vergleichbare Formulierungen prägten noch vor fünfzehn Jahren jede zweite Talkshow von Sabine Christiansen, allerdings brauchte man dafür keine Berliner Rentner aus dem Publikum. Deren Vertreter saßen auf dem Podium.

          Letztlich erleben wir heute die Konsequenzen dessen, was man damals für politisch unausweichlich hielt. Dieser Vorwurf wurde gestern Abend auch bisweilen gemacht, vor allem der SPD-Generalsekretärin für ihre „Arbeitgeber-freundliche Politik“ der vergangenen Jahrzehnte, wie es jemand ausdrückte. Aber auch Brinkhaus wollte nicht den Handlungsbedarf der Politik bestreiten, um sozialpolitische Defizite zu beseitigen. Am Ende müsste aber jemand diese verbesserten Sozialleistungen bezahlen, so sein Hinweis.

          Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus drückt seine Wertschätzung für die Mutter mit den drei Jobs aus, sich trotz solcher widriger Umstände den eigenen Lebensunterhalt zu sichern.

          Womit Brinkhaus zweifellos recht hat. Die einen fordern die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung, während andere ihre zu hohen Abgaben beklagen. Jeder kann dafür seine Lebenserfahrung geltend machen. Die einen ihre harte Arbeit und Zielstrebigkeit, die anderen ihr tragisches Schicksal. Politiker wie Frau Barley und Brinkhaus geraten so in eine Authentizitätsfalle, die sie zwangsläufig überfordern muss. Sie werden nicht jedem individuellen Schicksal gerecht werden können, sondern auf Grundlage verallgemeinerungsfähiger Argumente ihre Entscheidungen treffen müssen. Politische Parteien kommen dabei zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen, die letztlich der Wähler beurteilen muss. Aber sicherlich nicht auf Grundlage einer Publikumsdebatte, wo jeder nur noch sein persönliches Schicksal in den Vordergrund stellt. Wenn „Ilona und Daniel“ gestern Abend über die Nöte kinderreicher Familien berichten, ist das zweifellos authentisch. Das taten sie übrigens auch schon in diversen anderen Sendungen, zuletzt bei Frank Plasberg. Authentizität allein ergibt aber nicht zwangsläufig ein überzeugendes Argument für eine Verbesserung familienpolitischer Leistungen.

          „Ideal für Stimmungsmache“

          Es ist eben eine Fiktion, das Publikum als etwas fundamental anderes zu betrachten als die Politik. Das wurde nicht zuletzt beim Immobilieninvestor Rainer Zitelmann deutlich, wenigstens stellte ihn so Frau Maischberger vor. Er hielt das Gerechtigkeitsargument für wenig überzeugend. In Wirklichkeit meinten die Befürworter damit Gleichheit. Der Begriff eignete sich zudem „ideal für Stimmungsmache, denn fast jeder glaubt, wenn es gerecht zuginge, müsse er mehr bekommen, als er derzeit verdient“, so Zitelmann.

          Aber er ist nicht nur ein Immobilieninvestor, sondern schon lange ein profilierter Publizist der deutschen Rechten. Zitelmann ist genauso wenig das Publikum, wie Frau Barley oder Brinkhaus. Vielmehr hat Zitelmann gesellschaftspolitische Vorstellungen über Gerechtigkeit, die auf Ungleichheit beruhen. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden. Es ist eine legitime politische Position. Aber es macht deutlich, worum es eigentlich geht: Um Verteilungskonflikte in einer Gesellschaft, die von divergierenden Interessen geprägt wird.

          Deren Formulierung hat aber erst einmal nichts mit Politik zu tun. Jeder hat Verständnis für die Nöte und Schicksale seiner Mitmenschen, ob es einen Obdachlosen in München oder eine kinderreiche Familie betrifft. Politik beginnt aber erst dort, wo es um den Ausgleich zwischen diesen Interessen geht. Insofern wird der Wähler nach dieser Publikumsdebatte nicht um die Frage herumkommen, wo er das Gemeinwohl in den kommenden vier Jahren am besten aufgehoben sieht. Ansonsten verhielte er sich nicht anders als die quengelnden Kinder an der Supermarktkasse. An Authentizität fehlt es denen übrigens nicht, wie alle Eltern bestätigen können.

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