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Miniserie „Safe House“ : Pension für Geheimnisse

  • -Aktualisiert am

Robert (Christopher Eccleston) erklärt den Kindern Louisa und Joe, wie sie sich verhalten sollen. Bild: ZDF und Ben Blackall

Das Verlangen der Zuschauer nach Krimis und Thrillern nimmt nicht ab. Spannend und voller unerwarteter Wendungen sind die wenigsten davon. „Safe House“ macht das besser und unterläuft Erwartungen.

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          Wer sich als Polizeifilmfan am späteren Dienstagabend nicht mit der Wiederholung eines mittelprächtigen österreichischen Rotlichtkrimis in der ARD oder dem üblichen CSI-Mumpitz auf RTL zufriedengeben möchte, für den hat ZDFneo eine erstklassige, vor Spannung geradezu zitternde Alternative im Angebot. „Safe House“, eine britische Miniserie in vier Teilen (Regie Marc Evans), mag hierzulande noch als Geheimtipp gelten: Im serientechnisch verwöhnten Großbritannien fuhr sie mit durchschnittlich mehr als sechseinhalb Millionen Zuschauern einen phänomenalen Erfolg ein. Die zweite Staffel wird bereits vorbereitet.

          Im Zentrum der Serie steht – so weit noch einigermaßen konventionell – ein ehemaliger Polizist, der an einem Trauma laboriert. Eine Zeugin, die vielleicht auch mehr für ihn bedeutet hat, wurde in seiner Obhut erschossen, woraufhin er den Polizeidienst quittierte und sich mit seiner Ehefrau Katy (Marsha Thomason) aufs Land zurückzog, um dort ein wunderschönes, aber auch leicht gruselig anmutendes Anwesen zu renovieren. Gespielt wird dieser Robert Haleford von dem überragenden Christopher Eccleston, der schon den neunten „Doctor Who“ (den ersten nach der Wiederaufnahme dieser Herzensserie der Engländer im Jahre 2005) verkörpert hat. Er verpasst seinem Helden einen ruhigen, grüblerischen, mitunter grummeligen Charme. Wie er jeden Morgen durch einen der eiskalten Seen in Englands Lake District schwimmt, das hat nicht nur einen maskulinen Touch, sondern grenzt an Selbstkasteiung. Männlich aber wirkt Eccleston durchaus. Die englische Presse erinnerte er nicht zu Unrecht an Models aus dem Outdoor-Katalog, was auch an den reihenweise aufgetragenen High-End-Regenjacken, Neoprenschwimmanzügen und Sport-Sweatshirts liegen mag.

          Trailer : „Safe House“

          Eigentlich hat das Paar eine Pension eröffnen wollen, aber zumindest Robert muss nicht lange überlegen, als ihm sein früherer Kollege Mark (Paterson Joseph) vorschlägt, das Haus im Dienste der Polizei als „Safe House“ zu betreiben, als Versteck für gefährdete Personen. So sitzt bald die wunderbar durchschnittsenglische Familie Blackwell an Roberts und Katys eher kargem Tisch, nicht eben glücklich über diesen Aufenthalt, der nötig wurde, weil ein offenbar psychopathisch veranlagter Täter die Familie im Visier hat - und sich natürlich auch diesem im Wald verborgenen Ort nähern wird. Doch die Serie legt viel Wert darauf, Erwartungen gekonnt zu unterlaufen. Kaum scheint eine klassische Konstellation oder ein typisches Horrorszenario angedeutet, ändern sich auch schon die Parameter.

          Ebenso wichtig wie die drohende Gefahr von außen ist der genaue Blick auf die Verhältnisse innerhalb des Hauses. Die Spannungen verlaufen kreuz und quer durch die Familie Blackwell (pubertierende Tochter, mit Drogen experimentierender Sohn, miteinander nicht ganz ehrliche Eltern), auch die Beziehung von Robert und Katy muss sich den Belastungen erst gewachsen zeigen. Dass nichts aufgesetzt wirkt, macht „Safe House“ aus. Einzig bei den Schuldkomplexen hätte Autor Michael Crompton etwas zurückhaltender sein können. Nicht nur der Hauptdarsteller ächzt unter der Last der Vergangenheit, jede Figur scheint dunkle Geheimnisse mit sich herumzutragen, die allesamt aufbrechen und bewältigt werden müssen. Aber Spannung, Tempo, Landschaftsaufnahmen und schauspielerische Exzellenz entschädigen dafür reichlich. Und dass die betreute Familie viel tiefer, als es zunächst scheint, in die Ereignisse verstrickt ist, hat durchaus seine dramaturgische Richtigkeit.

          Erwischt: Ermittler Mark (Paterson Joseph) bekommt den vermissten Sam (James Burrows) zu fassen
          Erwischt: Ermittler Mark (Paterson Joseph) bekommt den vermissten Sam (James Burrows) zu fassen : Bild: ZDF und Ben Blackall

          Erst das Finale rutscht aus der Spur. Nicht nur ein Schuss, für den es keine rechte Erklärung gibt, sorgt für Verwunderung. Auch mit einigen der vielleicht zur zweiten Staffel überleitenden Wandlungen hätte man kaum gerechnet. Glaubhaft ist da eher wenig. Die zuvor so atmosphärisch dichte Handlung dermaßen unter Wert zu verkaufen ist ein kapitaler Schönheitsfehler. Schließlich lebt ein Thriller davon, wie befriedigend er die aufgetürmten Rätsel zu lösen vermag. Doch trotz dieses rüden Abgangs (der filmischen Variante des gefürchteten englischen Plumpuddings) ist „Safe House“ für den Dienstagabend eine sichere Wahl.

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