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TV-Kritik: Beckmann : Romantik auf dem Abenteuerspielplatz für Erwachsene

  • -Aktualisiert am

Moderator Reinhold Beckmann Bild: dpa

Wilde Tiere, Dschungel und der Mount Everest - bei Beckmann drehte sich alles um das Abenteuer. Das wird immer schwieriger zu finden. Schließlich gleichen die Restbestände der Natur vielerorts einem Vergnügungspark.

          4 Min.

          Afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa erleben zweifellos ein Abenteuer. Sie müssen erst durch die Sahara an die Mittelmeerküste in Libyen oder Marokko kommen, um es anschließend auf einem Seelenverkäufer bis an die italienische oder maltesische Küste zu schaffen. Die Zahl der Menschen, die dabei ums Leben kommen, ist unbekannt. Diese Odyssee  ist lebensgefährlich und der Ausgang ungewiss. Die Flüchtlinge nehmen sie auf sich, um in jene europäische Freiheit zu gelangen, wo das Leben keine Abenteuer mehr bereithält. Stattdessen die Gewissheit, sein eigenes Leben planen zu können.

          Natürlich passt unser romantische Begriff vom Abenteuer nicht auf diese Schicksale. Das Abenteuer ist der Traum der westlichen Jugend, seine eigene Grenzen erleben und überschreiten zu können. Aus dem Alltag mit seinen Zwängen und Konventionen auszubrechen. Es war eben kein Zufall, dass vor allem die akademische Jugend den Ausbruch des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren als ein solches Abenteuer begriff.

          Krokodil und Jaguar

          „Globetrotter und Abenteurer – die Lust am Extremen, die Suche nach Freiheit“, so der Titel der Sendung von Reinhold Beckmann gestern Abend. Er versuchte mit seinen vier Gästen jenes zutiefst europäische Phänomen des zeitgenössischen Abenteurers auf den Grund zu gehen. Denn im Grunde ist es heute nicht anders als vor mehr als 150 Jahren. Damals zog ein Journalist namens Henry Morton Stanley los, um zuerst den Ursprung des Nils (und David Livingstone) zu finden und anschließend den Kongo zu erkunden Schon damals unter großer Anteilnahme der Presse sowie mit der späteren Verwertung als Buchautor und Vortragsreisender. Dessen Erlebnisse, wenn auch geschönt, fehlten vor Jahrzehnten auf keinem Nachttisch eines Heranwachsenden. Dessen Nachfolger sind heute der Extremsportler Joey Kelly, der blinde Bergsteiger Andy Holzer oder der Reisejournalist Helge Timmerberg. Alle drei machten ihr Hobby zum Beruf und wussten das Publikum mit allerlei Geschichten zu unterhalten. Ob Kelly vom thailändischen Dschungel erzählte oder Timmerberg von seinen Erfahrungen mit Krokodilen oder dem Jaguar.

          Letzterem ist er bei seinen Reisen mit Goldsuchern im Amazonas begegnet. Deren Mentalität beschrieb er so: Sie wollten „keine Frau, keine Polizei und keinen Chef.“ Und deren Leben wechsele zwischen „Wald, Bordell, Wald, Bordell“, wobei sie im Bordell (hoffentlich ohne Jaguar) das Geld ließen, das sie im Wald verdient hatten. Timmerberg schilderte jene Trapper-Romantik aus der Zeit des Wilden Westens, die bis heute zur Legende der Eroberung Nordamerikas gehört. Der Trapper als Outlaw, der der Zivilisation überdrüssig, sein Leben in der Natur sucht. Allerdings ist Natur heute lediglich als Restbestand zu finden. Die damaligen Abenteurer hatten auch nicht wie Kelly ein Satellitentelefon, um notfalls ausgeflogen zu werden.

          Abenteuer als Spielart des Massentourismus

          Es wäre der Sendung durchaus gut bekommen, wenn man darauf einmal hingewiesen hätte. Selbst der Jaguar als gefährdete Tierart wird wohl eher aussterben als den Menschen auf seinen Speisezettel zu nehmen. Insofern hatte die Sendung schon eine gewisse Komik, wenn sie die Natur als Abenteuer betrachtete, wo sie in ihren letzten Rückzugsräumen zum Abenteuerspielplatz für gelangweilte Europäer zu werden droht. Holzer, der ansonsten durchaus zu beeindrucken wusste, will im kommenden Jahr den Mount Everest besteigen. Der ist nun mittlerweile wirklich ein Beispiel dafür, wie das sogenannte Abenteuer zu einer Spielart des Massentourismus verkommen ist. Wobei der höchste Berg der Welt noch nicht einmal der Gefährlichste ist, sondern der Mont Blanc in den Alpen. Er wird für jene Touristen unversehens zum Abenteuer mit tödlichem Ausgang, weil sie ihre Fähigkeiten überschätzen. Sie treibt die gleiche Mentalität an, die auch Kelly oder Holzer auszeichnet. Die eigenen Grenzen kennenzulernen, wobei letztere aber diese einschätzen können.

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