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TV-Kritik: „Günther Jauch“ : Putin wirbt um Deutschland

Es war an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, auf ein paar Dinge hinzuweisen: Die Vergangenheit macht Putins Verhalten erklärbar, rechtfertigt es aber nicht. Das Verständnis für die russische (Seelen-)Lage mit Blick auf das seit 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlorene Terrain und die verlorene Bedeutung als Weltmacht, darf nicht vergessen machen, dass der Kollaps des sowjetischen Systems den Nationen in Osteuropa die Freiheit brachte. Diese Länder haben alles Recht, ihre Freiheit zu verteidigen und sie haben allen Grund, das Schlimmste zu befürchten, wenn sie Putin reden hören, er müsse die Russen in aller Welt schützen.

Wo bleiben die Ukrainer?

Es ist schon erstaunlich, dass gerade diejenigen, die von Putin nichts Gutes zu erwarten haben, in deren Land er einmarschiert ist oder einmarschieren lässt, bei der Debatte bei uns immer zu kurz kommen. Esten, Letten, Litauer, Polen – sie sind in Talkrunden und bei Befragungen gar nicht da. Ukrainer tauchen höchst selten auf, und wenn, dann wissen die Sender offenbar nicht, wen sie für eine/n legitime/n Vertreter/in der Ukrainer halten sollen. Die russische Regierung hingegen ist stets dabei. Was die Besetzungsliste angeht, hat sich das deutsche Fernsehen auf Putins Zweierbund schon eingestellt.

Ursula von der Leyen aber macht da, wie schon erwähnt, nicht mit. Was am Ende der Sendung, in der zuerst das Interview lief und dann die Exegese im Studio folgte, aber irgendwie schon wieder in Vergessenheit geriet, als die WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, die früher Moskau-Korrespondentin war, an den guten alten Boris Jelzin erinnerte, der dem Westen so wohlgesonnen war. Auch der sage: „Russland muss man mit Sie ansprechen.“ Was bedeutet: Russland muss man mit Respekt behandeln. Selbstverständlich, klar. Doch wie geht das mit dem Respekt, wenn einer das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht anderer nicht respektiert?

Merkel mal im russischen TV?

Ob er es für möglich halte, dass Angela Merkel oder Barack Obama im russischen Fernsehen auch einmal eine solche Möglichkeit für einen Auftritt bekämen wie Putin soeben in der ARD, wollte Günther Jauch dann noch von Hubert Seipel wissen. Der reagierte leider so verkniffen, wie er sich von Beginn an in der Runde gab (dem Sinn nach: Müssen Sie bei den Russen fragen). Es brauchte einen zweiten Anlauf, bis Seipel sagte: „Ich denke, Frau Merkel wäre ein gern gesehener Gast im russischen Fernsehen.“ Obama selbstverständlich nicht.

Doch ob die Bundeskanzlerin dann auch so dezidiert neutrale Fragen gestellt bekäme wie Putin von dem NDR-Reporter? Und sich eine Debatte anschlösse, die in der Sache eindeutig, aber ohne jede Polemik war? Wer einmal einen Blick auf den seit einigen Tagen auch in deutscher Sprache im Internet sendenden Staats-Kanal „Russia Today“ geworfen hat, wird sich das schwerlich vorstellen können.

Dort sieht man nämlich, wie Propaganda geht, die zu jedem (aus Sicht der russischen Regierung) unangenehmen Faktum eine Verschwörungstheorie packt, damit am Ende nichts als pure Verwirrung und die Wahrheit als Lüge und die Lüge als Wahrheit dasteht.

Die ARD hingegen hat an diesem Abend gezeigt, wie man Propaganda, die auch und vor allem darauf abzielt, unabhängigen und vorurteilsfreien Journalismus zu diskreditieren, am besten begegnet: Man hört die Beteiligten (die Ukrainer, wie gesagt, fehlten), Standpunkte Pro und Kontra. Gleicht Worte mit Taten ab. Dann kann sich jeder sein Urteil bilden. An diesem Abend angefangen beim „Weltspiegel“ mit einem Bericht von der Front in der Ostukraine bis hin zu Jauchs Putin-Spezialausgabe. Wer sich einem Reim auf die Pläne und die Lage des russischen Präsidenten machen wollte, der konnte nach diesem Abend tatsächlich ein wenig schlauer sein.

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