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„Polizeiruf 110“ im Ersten : Krank vor Mutterliebe

  • -Aktualisiert am

Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, Mitte) und Kollegin Edyta Wisniewski (Katharina Bellena) sowie ein weiterer Polizist sind auf die Spürnase von Revierhündin „Speedy“ bei der Suche nach der vermissten Frau angewiesen. Bild: rbb/Christoph Assmann

Eine düstere Hommage an die höchst ambivalente Opferbereitschaft des Muttertiers an und für sich: Der „Polizeiruf - Muttertag“ verhandelt eine schwierige Beziehung.

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          Einige Kilometer entfernt von Stettin erstreckt sich an der Grenze zu Brandenburg ein Wald mit seltsam geformten Bäumen. Die Tatortfotos, die das Team des deutsch-polnischen Kommissariats in Swiecko erreichen, sind merkwürdig. Zwischen den Stämmen dieser auffällig krummen Bäume liegt ein blutüberströmter Mann. Der Täter muss ihn mit einem Ast erschlagen haben – und zwar wie von Sinnen. Übertötung, so der Polizeijargon. Der getötete Schreinereiunternehmer Kubiak hat, wie so viele hier, im kleinen Grenzverkehr auf der deutschen Seite gearbeitet. Seine Frau, zwei kleine Kinder im Hintergrund, betet mit Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) den Rosenkranz, als er und Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) die Todesnachricht überbringen.

          Nur Mütter haben wohl noch so viel Glaubensgewissheit. Lenski schaut befremdet, statt gutkatholischer Tradition hat sie ihre kleine Tochter mitgebracht, für die sie als alleinerziehende Mutter in der Nacht so schnell keinen Babysitter gefunden hat. Sie quengelt kaum und singt stattdessen vergnügt in ihrem Kindersitz im Fond des Wagens. Doch Raczek fühlt sich im Dienst gestört. Jemand hat sich beim Chef beschwert, weil Lenski ihr Kind zum wiederholten Mal im Schlepptau hat.

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          Kinder nerven, wenn man berufliche Ambitionen hat. Sie sind passend unterzubringen, was irgendwie nach Maßregelvollzug klingt, damit das professionelle Umfeld sich nicht durch Aufmerksamkeitsraub gestört fühlt. Der gestressten Mutter zaubert das gesungene Kinderlied trotzdem ein Lächeln ins Gesicht, das den ganzen Tag in dieser tristen Uckermark zum Strahlen bringen könnte.

          „Muttertag“ ist der dritte „Polizei-ruf“-Fall für das deutsch-polnische Gespann Raczek und Lenski, das sich inzwischen immer mehr dem „Dreamteam“-Status nähert. Irgendwann in dieser bedrückenden Studie über strapazierte Mutterliebe landen sie gemeinsam im selben Bett. Da sich das im Kommissariat sicher rumspreche, könne man auch gleich Sex haben, bemerkt Lenski. Raczek lehnt dankend und unmissverständlich ab. Doch manchmal kann gemeinsames Zähneputzen viel intimer sein, als sich in der Horizontalen zu verausgaben. Eoin Moore (Buch und Regie) und Anika Wangard (Buch) geben dem Paar hier einen solchen Moment. Da geht noch mehr.

          Am Ende liegen all die Illusionsschleifchen im Dreck

          Worauf will man sich auch sonst konzentrieren als auf Sex und Beziehungen an Orten wie Wüsterow in der Uckermark, die hier mit viel Sinn fürs Milieu gezeigt wird. Nicht nur die Polizei, auch die Kamera von Florian Foest wird fündig: Bushaltestelle, leere Straßen, Häuser, die wenigstens nicht mehr dem Verfall preisgegeben sind. Zwei Busse am Tag decken den Fahrplan ab, ohne Auto ist man aufgeschmissen. Bei „Nelli’s Oase“ gibt es die Grundversorgung, im wiedereröffneten Gasthaus sitzen die Leute herum. Wer kann, verschwindet. Nicht so Enrico Schoppe (Anton Spieker), der für Kubiak gearbeitet hat, bis es zum Zerwürfnis kam. Für Schoppes Nachbarin haben sie eine Holztreppe eingebaut. Die junge Frau ist verschwunden. Wem anderes soll man auf den Zahn fühlen als Enrico?

          Der, laut seiner Mutter, immer für alles herhalten soll. Sie wittert Schikane: Ihr guter Junge, jetzt auch noch ein Mörder? Zweifel schiebt sie weg. Heidi Schoppe ist es gewohnt, hinter ihrem Sohn herzuräumen, der bei jeder Gelegenheit ängstlich „Mach doch was, Mutti“ sagt. Schutz ist Mutterinstinkt. Ulrike Krumbiegel gibt hier als Heidi Schoppe eine sensationelle Vorstellung. In der Küche hängt ein Magnetkärtchen mit weisem Spruch: „Wer sich selbst besiegt, ist stark“. Von Laotse, sagt Lenski. „Det is von Netto“, entgegnet Heidi. Zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Dieser „Polizeiruf“ ist ein ziemlich übles Geschenk zum Muttertag. Ein Krimi mit Herzchen und Illusionsschleifchen, die am Ende allesamt abgerissen im Dreck landen. Und trotzdem ist es eine düstere Hommage an die höchst ambivalente Opferbereitschaft des Muttertiers an und für sich.

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