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TV-Kritik: „Phoenix Runde“ : Trumps Augenbraueninnenseiten

  • -Aktualisiert am

Was sagt Donald Trumps Mimik über seinen Gefühlszustand aus? Darüber klärt bei Phoenix ein Mimikforscher auf. Bild: AP

Der amerikanische Präsident hält seine erste Rede vor dem amerikanischen Kongress. Die Furcht vor einem abermaligen Frontalangriff ist groß, doch er bleibt aus. Was ist los mit Donald Trump? Darüber informiert bei Phoenix ein Mimikforscher.

          Die Furcht war groß: Würde Donald Trump seine Rede vor dem amerikanischen Kongress nutzen, für einen seiner berüchtigten Angriffe - auf die Medien, auf die Richter, auf alle? So etwas würde als Anschlag auf das politische System und die guten Sitten verstanden. Trotzdem wollte das im Vorfeld niemand ausschließen. Deshalb machte Phoenix Trumps Rede zum Thema der abendlichen Talkshow.

          Man stelle sich das in Deutschland vor: Ob Angela Merkel oder Martin Schulz ihre Reden vom politischen Aschermittwoch auch als erste Regierungserklärung nach einer gewonnenen Bundestagswahl hielten? Diese Frage ist selbstredend absurd. Politische Reden haben schließlich immer ihren Anlass und ihr Publikum. Entsprechend unterschiedlich fallen sie aus. Es reicht vom staatstragenden Ernst bis zur polternden Polemik. Wobei die vergangenen zwölf Jahre unsere Sichtweise auf das Amt des Bundeskanzlers verändert haben. Die Lust an der politischen Rauferei war nie der Stil von Frau Merkel. Selbst am politischen Aschermittwoch erzeugt die Kanzlerin den Eindruck von Sachlichkeit, der allerdings bisweilen eher an Referate als an lustvoller politischer Redekunst erinnert.

          Ihr neuer Amtskollege in Washington ist in der Beziehung von einem anderen Kaliber. Für ihn hat Morgenstund Gold im Mund, weswegen der Rest der Welt gespannt auf seine morgendlichen Mitteilungen via Twitter wartet. Die ersten fünf Wochen im Weißen Haus waren von einer bis dahin selten gesehenen Dramatik. Donald Trump polemisierte und polarisierte. Jede Äußerung wurde zur innen- und außenpolitischen Kampfansage. So waren alle Beobachter gespannt, wie er sich in seiner ersten Rede vor beiden Kammern des amerikanischen Kongresses artikulieren würde. Wird er sich dem Anlass und dem Publikum entsprechend verhalten, oder unbeirrt den bisherigen Stil fortsetzen?

          Trump gibt sich staatsmännisch

          Diese Vorstellung wäre unter normalen Umständen fast schon verrückt zu nennen. Ein Präsident, der bei dieser Gelegenheit die Presse zum Feind oder einzelne Richter als Sicherheitsrisiko deklarierte, verlöre sofort den Boden unter seinen Füßen. Es würde als Anschlag auf das politische System und die guten Sitten verstanden. Trotzdem wollte das im Vorfeld niemand ausschließen.

          Doch der Fernsehsender Phoenix hatte Pech. Wir erlebten eine konventionelle, dem Anlass entsprechende Regierungserklärung des amerikanischen Präsidenten. Es passierte nichts Umstürzlerisches, vielmehr das Bemühen den bekannten Raufbold vergessen zu lassen. Die Augsburger Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson nannte als Grund die historisch niedrigen Zustimmungswerte so kurz nach Trumps Amtsübernahme. Frau Waldschmidt-Nelson fand eine folgerichtige Erklärung für die durchaus positive Resonanz auf diese Rede in den ersten Meinungsumfragen: Die meisten Amerikaner wären froh, dass sich ihr Präsident „so staatsmännisch verhalten kann.“

          Die Rede lohnte eigentlich nicht die Debatte, weswegen diese Sendung schließlich zu eine Art politikwissenschaftliches Seminar geriet. So erklärte der politische Analyst Jan Techau die Funktion einer solchen Rede. Es ginge um die Innenpolitik, weshalb die Außenpolitik dort kaum eine Rolle spielte. Vor allem soll sie aber die Bindung der republikanischen Kongressmehrheit an ihren Präsidenten stabilisieren. Techau wählte dafür das schöne Bild der „Verheiratung.“ Trumps Rede wurde in jeder Einzelheit seziert. Der Journalist der „Deutschen Welle“, Brant Goff, sah in einer Bemerkung Trumps über den islamistischen Terrorismus einen Hinweis auf die Stellung des neuen Sicherheitsberaters, der vor einer solchen Formulierung gewarnt haben soll. Zugleich erkannte er in einer andere Passage eine Botschaft an Angela Merkel, die aber nicht auf Anhieb erkennbar gewesen sein muss.

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