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Doku über Kaiser-Double : Einer wie er

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Der Kaiser und sein Double. Wer ist wer? Franz Beckenbauer als Schorsch Aigner als Olli Dittrich? Oder vice versa? Und hätten Sie’s gewusst? Bild: Beba Lindhorst

Eine unwahrscheinlich wahrscheinliche Enthüllungsdokumentation: Olli Dittrich ist Schorsch Aigner, der Mann, der Franz Beckenbauer war - ein Double für lästige Suppenwerbefilme, schiefe Schlagertöne und anstrengende Weltreisen.

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          Eigentlich ist alles nicht so unwahrscheinlich wie die vermeintlich wahre Geschichte von Franz Beckenbauer, der alles überstrahlenden Lichtgestalt des deutschen Fußballs und der Nation. Wie plausibel ist das denn, dass ein Mensch das alleine hingekriegt hätte, die ganzen Auftritte auf der Weltbühne, die Reisen, das Strippenziehen und Repräsentieren, das Kaisersein, vom Fußballspielen mal ganz abgesehen?

          Viel wahrscheinlicher ist doch, dass er über all die Jahrzehnte immer wieder gedoubelt wurde. Also: Der Mann, der diese Aufgabe übernahm, der Mann, der Franz Beckenbauer war, ist Hans-Georg Aigner, genannt „Schorsch“.

          Aigner übernahm lästige Aufgaben

          Entdeckt wurde er von Beckenbauers Manager Robert Schwan, der Mitte der sechziger Jahre Aigners Nachbar am Tegernsee wurde und die Ähnlichkeit der Stimmen der beiden entdeckte. „Er war ein honoriger Mann“, erzählt Aigner im Beckenbauer-Singsang, „ein Gentleman, ein Pfeifenraucher, kann man sagen.“

          Aigner übernahm zunächst lästige Aufgaben wie das Sprechen der Suppenwerbespots, erwies sich aber auch als bessere Besetzung, um Beckenbauers Schlager aufzunehmen. Denn der echte Beckenbauer war leider ein musikalisches Multitalent, schon als kleiner Bub im Tölzer Knabenchor, und sang mit einer herausragenden Opernstimme, die ihm, dem Fußballstar, niemand geglaubt hätte. Aigner verkörperte die Glaubwürdigkeit, das angemessen Schiefe und Monotone von Beckenbauers Gesang. „Gute Freunde kann niemand trennen . . .“

          Das ist aber der echte Beckenbauer! Oder nicht? Wer war 2013 wirklich auf der Busche Gala in München?

          Trotz Pannen nie aufgeflogen

          Im Laufe der Zeit trat Aigner immer häufiger als Beckenbauer in der Öffentlichkeit auf. „Man konnte uns innerhalb von ein paar Minuten ein- und auswechseln auf dem gesellschaftlichen Parkett“, erzählt er stolz. Nur die Idee, ihn auch beim Fußball für Beckenbauer einzusetzen, „bei unspektakulären Spielen, wo der Franz seine Kräfte schonen kann, vor Rundenspielen im Cup der Landesmeister“, erwies sich als fatal. 1975, die berüchtigte Serie von Eigentoren, ja, so kam das.

          Wirklich aufgeflogen ist der Doppelgänger-Trick trotzdem nie, trotz einzelner Pannen, wie jenem Tag auf Beckenbauers Weltreise vor der WM in Deutschland, als der Kaiser scheinbar in zwei Ländern gleichzeitig war, was ihm aber offenbar jeder längst zutraute.

          Die Biographie Franz Beckenbauers, sie muss neu geschrieben werden, und all die bekannten Puzzlestücke passen anders zusammengesetzt noch besser.

          Die unwahrscheinlich wahrscheinliche Geschichte

          Olli Dittrich ist Schorsch Aigner ist Franz Beckenbauer. Die erfundene Dokumentation über den Doppelgänger des Kaisers ist der dritte Teil von Dittrichs Zyklus, in dem er Fernsehgenres imitiert - das Wort „Parodie“ mag man kaum benutzen, dafür ist er zu dicht am Original. Für Authentizität sorgt in diesem Fall Tom Theunissen, der erfahrene Autor von Sportreportagen, als Partner.

          Der Verwandlungskünstler: Olli Dittrich in der WDR-Fernsehserie „Dittsche - Das wirklich wahre Leben“

          Er hat die unwahrscheinlich wahrscheinliche Geschichte von Schorsch Aigner als Enthüllungs-Dokumentation gedreht. Im Archiv fand er viele Szenen mit Beckenbauer, die die Doppelgängerthese fast zwingend erscheinen ließen - teils sogar ohne nachträgliche Umdeutung. Schon der Titel von Beckenbauers Autobiographie ist ja verräterisch: „Einer wie ich“!

          Die Kunst der Verwandlung

          Als Theunissen mit Aigner über sein Leben als Doppelgänger sprach, war es fast wie ein richtiges Interview. Der Mann, der ihm in dem Gespräch vor der Kamera gegenübersaß, sei jedenfalls nicht Olli Dittrich gewesen, erzählt Theunissen. „Das ist eine andere Person, von A bis Z, den ganzen Tag lang, auch in der Mittagspause.“

          Passt wie angegossen: Komiker Olli Dittrich 2006 als Franz Beckenbauer in der Harald-Schmidt-Show

          Dittrich spielt seine Figuren nicht, er verwandelt sich in sie. Zu seiner Methode gehört es, keine ausformulierten Texte aufzusagen, sondern entlang vorgegebener Themen und Ideen zu improvisieren. Auch die Fragen, die Theunissen ihm als Schorsch Aigner stellte, kannte er nicht im Detail. „Ich lasse mich gerne überraschen. Ich muss im Grunde die äußere und innere Biographie der Figur komplett verinnerlicht haben. Ich kann mir dann nicht noch überlegen, wann hebe ich den Arm oder wie gucke ich, damit es echt wirkt - das muss aus dem Moment heraus mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit passieren. Wenn dann etwas Überraschendes passiert, dann bin ja nicht ich überrascht, sondern der Schorsch Aigner.“ Er versuche, die Situation „so nah wie möglich an eine echte heranzuführen“, sagt Dittrich, „das fängt damit an, dass man nicht alles dreimal dreht. Es ist alles der first take, die erste Aufnahme, und dabei belässt man es.“

          Eine prägende Figur

          Das gibt der Dokumentation immer wieder verblüffend echte Momente. „Nichts ist so spannend für den Zuschauer, als dabei zu sein, wenn etwas entsteht“, sagt Dittrich. „Das ist das dünne Eis, auf dem ich marschiere, dass mich mein Gegenüber im Gespräch vielleicht mit irgendetwas kalt erwischt. Aber ich kann ja nicht wirklich aus der Figur rutschen, behaupte ich mal. Das passiert mir nicht.“

          Schockiertes Maskottchen: Goleo hat doch nicht mit Beckenbauer gekickt, sondern nur mit dem „Schorsch“.

          Franz Beckenbauer ist für Olli Dittrich ein bisschen, was Königin Beatrix für Hape Kerkeling ist: die eine Figur, die seine Wahrnehmung mehr prägt als alle anderen. Dabei, sagt er, hat er ihn gar nicht so oft gespielt. Nur zweimal bei „RTL Samstag Nacht“ in den Neunzigern, danach noch einmal in Spots zur Fußball-WM 1998, schließlich vor zehn Jahren, als Harald Schmidt Dittrichs Beckenbauer auf dem Höhepunkt seiner Präsidialisierung interviewte.

          Die Komik kommt aus der Genauigkeit

          Es ist natürlich, einerseits, ein Wagnis, noch einmal zu dieser Figur zurückzukehren, und andererseits eben doch nicht derselbe Beckenbauer. „Ich glaube, man kann sehen, wie Beckenbauer im Alter immer mehr darauf bedacht ist, seine Unantastbarkeit zu konservieren und zu sichern“, sagt Dittrich. „Je älter er wird, umso schwerer fällt es, das zu kontrollieren. Das ist so das Gefühl, das mich anweht, wenn ich ihn sehe, wenn er in einer Runde bei Sky sitzt. Ich glaube, dass er vorsichtiger wird, wie jemand, der auch körperlich älter wird, anders eine Treppe runtergeht. Da ist eine Zerbrechlichkeit, ein Bewusstsein, dass diese Lichtgestalt einer höheren Beschädigungsgefahr ausgesetzt wird, der er entgehen will.“

          Den alten Kaiser (oder genauer: den alten Kaiser-Doppelgänger) stellt Dittrich vergleichsweise zurückgenommen dar, die berühmten Marotten übertreibt er nicht, sondern unterspielt sie fast. Die große Komik des Films kommt aus seiner Genauigkeit. Dittrich und Theunissen erzählen in einzigartiger Weise eine unwahrscheinlich wahrscheinliche Geschichte und inszenieren die größten Albernheiten mit größer Ernsthaftigkeit.

          Als tragische Figur bleibt nur Goleo

          Eine schöne Ironie ist es, dass der Film die Geschichte in einer Weise umschreibt, die letztlich den Fußballer besser aussehen lässt. „Vieles von dem, was nicht aller Ehren wert war in Beckenbauers Biographie, haben wir dem Aigner in die Schuhe geschoben. Das ist ein ganz anderer Ansatz, als als Kabarettist den Zeigefinger zu erheben.“ Der echte Beckenbauer wollte trotzdem nicht mitspielen, obwohl das Team alle Beziehungen spielen ließ, um eine kurze Begegnung zwischen dem Schorsch und dem Franz zu ermöglichen. Der Schorsch ist des Doppelgängerjobs eh müde geworden. „Irgendwann ist einmal gut“, sagt er. „Diese Reisen, der Jetlag hier, der Jetlag da, mit dem Marokkaner auf dem Kamel reiten und morgen mit dem Koreaner Suppe essen oder sonst was, das ist ’ne Weile lang gut, aber man wird müde.“ Und so sind er und seine Frau, die Elfriede (wunderbar: Carolin Fink), am Ende ganz froh, dass die Sache nun aufgeflogen und zu einem Ende gekommen ist. Als tragische Figur zurück bleibt nur Goleo, das deutsche WM-Maskottchen, das 2005 mit Franz Beckenbauer und Sepp Blatter in der Allianz-Arena ein bisschen vor der Weltpresse kicken durfte, was ein Highlight des Spielers in dem Löwenkostüm war. Der nun aber, bei einem Wiedersehen vor den Kameras des Fernsehteams, erfahren muss, dass das gar nicht der Franz war, mit dem er gespielt hat, sondern der Schorsch.

          Aber hat der Blatter das damals gar nicht gemerkt, dass das nicht der echte Franz war? „Ja, was soll der Blatter da merken?“, lacht der Schorsch. „Der war ja nicht da.“

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