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Familiendrama im Ersten : Vom Wert des Lebens eines Kindes

  • -Aktualisiert am

Annette (Annette Frier) und Thomas (Christian Erdmann) stehen vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens. Bild: WDR/Wolfgang Ennenbach

Diagnose „Trisomie 18“: Das Familiendrama „Nur eine Handvoll Leben“ stellt eine werdende Mutter vor die wohl schwierigste Frage: Austragen oder Abtreiben?

          Es gibt Entscheidungen im Leben, die alles verändern. Und es gibt eine Entscheidung, die alle anderen nebensächlich erscheinen lässt. Sie ist die Voraussetzung für alle anderen – die Frage nach dem Leben: wenn sich zwei Menschen entscheiden, ein Kind in die Welt zu setzen. Annette (Annette Frier) und Thomas Winterhoff (Christian Erdmann) haben jeweils eine Tochter aus einer früheren Beziehung. Jetzt ist Annette schwanger, in der 22. Woche. Das Patchwork-Familienglück soll komplett werden.

          Nur Julia (Aleen Jana Kötter) ist nicht einverstanden, die Tochter von Annette, die lieber zu ihrem leiblichen Vater ziehen würde. Heimlich zündet Julia das Ultraschallbild ihrer ungeborenen Schwester an, sie will keine Konkurrenz. Bis zu diesem Punkt könnte der Fernsehfilm „Nur eine Handvoll Leben“ von einer jungen Familie erzählen, deren Alltag sich durch die üblichen Beschwernisse auszeichnet. Wären da nicht die jüngsten Ergebnisse der Ultraschalluntersuchung. Kopf und Körper des Fötus sind unterentwickelt, weitere, genauere Untersuchungen werden empfohlen. „Wollen wir das überhaupt? Genau wissen, wie es um unser Kind steht?“ Das ist die Frage, die sich Eltern in Zeiten der immer detaillierteren Voruntersuchungen und Genanalysen stellt.

          Thomas Winterhoff ist selbst Arzt. Er vertraut den Diagnosemethoden, er will Gewissheit. Annette zweifelt. Die Diagnose, die der Gynäkologe stellt, lautet, dass ihre Tochter vermutlich unter Trisomie 18, einem schweren Gendefekt, leidet. Die Lebenserwartung liegt bei wenigen Wochen, vielleicht ein paar Monaten, im schlimmsten Fall stirbt das Kind bei oder kurz nach der Geburt. „95 Prozent der Paare in ihrer Situation entscheiden sich für einen Schwangerschaftsabbruch“, sagt der Arzt.

          Es gibt kein Richtig oder Falsch

          Sollen Annette und Thomas zu diesen 95 Prozent gehören oder sich anders entscheiden? Das ist die Lage, das ist die Frage, die der Film „Nur eine Handvoll Leben“ aufwirft und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Da ist die Mutter, die die diagnostizierte Lebenserwartung ihrer noch ungeborenen Tochter zwar nicht ignoriert, aber Zweifel hat. Da ist der Ehemann, der sagt: „Fakt ist, sie ist sterbenskrank und wird leiden.“ Da ist die pubertierende Tochter, die das Ultraschallbild anzündete und sich jetzt Vorwürfe macht, sie sei schuld an dem Gendefekt.

          Julia (Aleen Jana Kötter, r.) verbrennt aus Protest gegen ihre Patchwork-Familie ein Ultraschall Foto von dem Baby. Später gibt sie sich die Schuld für dessen Gendefekt.

          Die Regisseurin Franziska Meletzky inszeniert nach dem Drehbuch von Henriette Piper einen Film, der kein Richtig oder Falsch ausweist. Sie geben dem Zuschauer nicht vor, was er denken oder fühlen soll. Die Bilder der Kamera von Bella Halben sprechen für sich. Annette trifft schließlich eine Entscheidung. Sie trifft die richtige Entscheidung – nämlich die, mit der sie leben kann.

          Nur eine Handvoll Leben, heute, 20.15 Uhr, ARD

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