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„Tatort“ aus München : Auf der Wiesn mordet einer nach Maß

Gisela Schneeberger als Wiesnwirtin im „Tatort“ zum Oktoberfest Bild: Bernd Schuller

Leitmayr gibt die Wohnung frei und will nach Italien: Die Münchner „Tatort“-Kommissare fliehen das Oktoberfest. Vergebens natürlich, wie bereits der Titel „Die letzte Wiesn“ andeutet.

          2 Min.

          So ist das auf der Wiesn: Die einen benehmen sich daneben, die anderen kehren hinter ihnen her. Die einen lassen die Sau raus, andere flüchten lieber aus München. Nach Italien zum Beispiel, Zypressen zeichnen wie Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), der seine Wohnung an oktoberfestwütige Skandinavierinnen untervermietet hat. Man ahnt, wie das enden wird. Sein Kollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) lädt sich derweil drei trinkfeste alte Tanten aus Kroatien ins Haus, wirft ein Spanferkel auf den Grill - und kümmert sich um den ersten Oktoberfest-Toten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Italiener wurde nach seiner Sause im Bierzelt sturzbetrunken in der U-Bahn zusammengeschlagen und hat die Attacke nicht überlebt. Warum sich auf der Brieftasche des Opfers Leitmayrs Fingerabdrücke finden? Weil der Kommissar dem beinahe Besinnungslosen auf dem Bahnsteig hat auf die Beine helfen wollen, wir haben es zu Beginn des Films gesehen. Seine Hilfsbereitschaft bringt ihm nun nichts Besseres ein als ein vorgezogenes Urlaubsende, und sein weiches Herz wird im Laufe des Falls noch mehr Kummer bereiten. Es geht um eine Frau, da haben die beiden BR-Kommissare ja seit jeher ihre Schwierigkeiten.

          Ein Prosit der Gemütlichkeit: Kirsten Moosrieder (Gisela Schneeberger) im „Tatort“
          Ein Prosit der Gemütlichkeit: Kirsten Moosrieder (Gisela Schneeberger) im „Tatort“ : Bild: Bernd Schuller

          Der Fall des Mannes aber, der „Seine letzte Wiesn“ - so lautet der Titel dieses „Tatorts“ - erlebt hat, wird selbstverständlich nicht so schnell zu den Akten gelegt werden können, wie Batic anfangs denkt. Das Opfer wurde vergiftet, mit GHB, Liquid Ecstasy. Wie andere junge Männer auch, die bald bei den Sanitätern im Volksfesttrubel landen und mit dem Leben davonkommen. Sie alle haben im Amperbräu-Zelt einen draufgemacht, dem Imperium der hexenhaften Moosriederin, unter deren Fuchtel auch Leitmayrs Prinzessin dient: Ina Sattler (Mavie Hörbiger), eine bierkrugschleppende Schöne im Dirndl mit flachsblondem kleinen Sohn in Lederhosen, der noch mehr Haferflockengesundheit und Freundlichkeit ausstrahlt als sie.

          Vergiftungen sind Nebensache

          Das „größte Volksfest der Welt mit mehr als sechs Millionen Besuchern“, wie die eingeschobene Lerneinheit verrät, droht sich derweil vom Ort bajuwarischer Ausgelassenheit in einen tödlichen Narrentanz zu verwandeln. Gefährlich wirkt der Wirbel bunter Lichter und der bis zum Exzess Feiernden, wenn die Musik ausgeblendet wird. Das ist der Blick des jungen Mannes, der mit Kopfhörer - und Achtung, höchst verdächtig: ohne Tracht! - durch die Zelte streift. Die Wiesn scheint ein Sündenpfuhl für den Pünktlichkeitsfanatiker zu sein, der in Omas Wohnung mit einer weißen Taube lebt. Macht ihn das zum Rächer? Oder steckt die Hopfen-und-Malz-Intrige im Amperbräu-Dunstkreis dahinter, die Restaurantleiter Korbinian als Opfer oder Täter prädestiniert, je nachdem?

          Die Vergiftungsfälle sind, so viel ist schnell klar, nur Nebensache in diesem Krimi nach einem Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen. Zur Wiesn-Zeit menschelt sich das Münchner „Tatort“-Duo hemmungslos durch seine Mordermittlungen, auch wenn es einen weiteren Toten geben wird. Wachtveitl und Nemec spielen das alte Ehepaar, was dem zünftig in Lederhosen Verdächtige befragenden Kalli (Ferdinand Hofer) die Rolle des Kindes zuweist. Das immerhin auf die Anweisung: „Kalli, wie wär’s jetzt mit einem Kaffee?“, mit „Nein, danke“ antwortet, statt zur Kaffeemaschine zu stürzen. Nicht aus Aufmüpfigkeit, sondern aus Naivität. Die entscheidenden Hinweise zur Lösung kommen allerdings von ihm, und er kann sich zu Recht fragen, warum er eigentlich der Einzige ist, der noch morgens um acht ins Kommissariat kommt.

          Die alten Herren sind zu beschäftigt mit ihren Frauengeschichterln und der Regisseur Marvin Kren zu sehr damit, liebevoll Leitmotive zu inszenieren (nackte tote Männer, rührend nicht nur schlaftrunkene Frauen, sich ordnende Farben), als sich um Spannung oder Plausibilität zu kümmern. Letztere soll Lisa Wagner als Psychologin mit Sprechtexten wie aus dem Handbuch „,Tatort‘-Seelenkunde für Anfänger“ beisteuern. Das alles ist sauber aneinandermontiert und ordentlich gespielt, Mavie Hörbiger schaut man gerne zu und den grantelnden Grauhaarigen sowieso, die Kamera (Moritz Schultheiss) fängt stimmungsvolle Bilder ein. Pünktlich nach einer Dreiviertelstunde gibt es die grausamste Szene des Films, und zehn Minuten vor Schluss schlägt die Geschichte noch einen unerwarteten Haken, der ins Melodram führt. Ansonsten gilt: Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit.

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