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„Nachbarn süß-sauer“ bei Sat.1 : Die Chinesen kommen, zu jedem von uns

Gehst du zum Nachbarn, vergiss die Kettensäge nicht: Den Brückners (Bettina Zimmermann, Christoph M. Orth) geht der Bambus-Wildwuchs der Wangs eindeutig zu weit. Bild: Sat.1

Diese Sat.1-Komödie spielt den angeblichen Siegeszug der Asiaten bis zum Gartenzaun durch. Da geht es Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Familie gegen Familie. Und wer behält am Ende die Oberhand?

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          Ginge es bei diesem Nachbarschaftsstreit lediglich um einen Maschendrahtzaun, die Sache ließe sich wohl irgendwie ohne Blutvergießen regeln. Doch bei der sich minütlich zuspitzenden Auseinandersetzung zwischen der deutschen Bilderbuchfamilie Brücker und den chinesischen Neuankömmlingen namens Wang geht es um viel mehr: Es geht um alles. Da Existenzen auf dem Spiel stehen, entwickelt sich die anfängliche Missstimmung zwischen den Parteien bald zu einem Krieg, der derart gnadenlos geführt wird, dass buchstäblich kein Auge trocken bleibt.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Brückers, das sind Michael Brücker (Christoph M. Ohrt), seine Frau Lisa (Bettina Zimmermann) sowie die Teenager Brian (Leon Seidel) und Jennifer (Cosima Henman). Und auch die Wangs sind zu viert - Hua (Yu Fang) und Li Wang plus ihre zwei Kinder Meimei und Chang. Zumindest zahlenmäßig herrscht also Gleichstand. Erziehungstechnisch betrachtet, sind Meimei und Chang den Brücker-Sprösslingen freilich haushoch überlegen. So fleißig, wohlerzogen, strebsam, sportlich und vielfältig begabt können eben nur gedrillte, roboterhafte Asiaten sein. Und so skrupellos ebenso. Kaum hat sich Jennifer der schlanken, hochgewachsenen Meimei angenommen, um ihr den Schuleinstieg zu erleichtern, spannt diese ihr als Dank den Freund aus, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Eine ziemlich eigenwillige Interpretation des Begriffs Gastfreundschaft. Und Chang? Der brilliert nicht nur beim Kung Fu, sondern auch beim Basketball, was Brian seinen Eltern gegenüber zu der Einschätzung verleitet: „Dieser blöde Arsch spielt auf Profi-Level.“

          Keine Tabuschranken im Klischee-Krieg

          Ach ja, die stets fabelhaft aussehende Frau Wang ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre, während Lisa Brücker einen Blumenladen führt, der montags geschlossen ist. Und Herr Wang arbeitet als Finanzchef in jener Firma, in der auch Michael Brücker einen Posten bekleidet.

          „Nachbarn süß-sauer“ lautet der Titel dieser Sat.1-Komödie (Drehbuch: Martin Rauhaus, Regie: Granz Henman), die jedes, aber auch jedes Klischee mit bitterbösem Humor auf die Spitze treibt. Zugegeben, Völkerverständigung sieht irgendwie anders aus, und mitunter befürchtet man, dass allen Beteiligten ein rosenkrieghaftes Schicksal blüht. Ganz so schlimm kommt es natürlich nicht, wir sind schließlich bei Sat.1. Trotzdem ist bemerkenswert, wie knallhart hier Vorurteile ausformuliert werden. Die Expansions- und Eroberungswut des Chinesen macht ja bekanntlich vor nichts halt. Da passt es ins Bild, dass Li („dieses kleine hinterhältige chinesische Miststück“) Lisa ihre besten Freundinnen ausspannt, die sich fortan in deren Garten beim Fitnessprogramm vergnügen. Und nach den Freundinnen, so Lisa, kommen dann die Patente dran. Es sieht ganz danach aus, als wollten die Wangs die Brückers schlicht plattmachen. Als wollten sie für die komplette Nachbarschaft sichtbar ein Exempel statuieren: Wir Chinesen erobern gerade die Welt, also legt euch bloß nicht mit uns an!

          Frei nach Homer: Ich fürchte die Chinesen, auch wenn sie Geschenke bringen. Familie Wang stellt sich höflich vor.
          Frei nach Homer: Ich fürchte die Chinesen, auch wenn sie Geschenke bringen. Familie Wang stellt sich höflich vor. : Bild: Sat.1

          Nur: Auch die Brückers haben ihren Stolz. Der äußert sich beispielsweise in einer Wutattacke von Vater Brücker, der kurzerhand zur Motorsäge greift und die Bambusbepflanzung der Wangs abrasiert. Äußerst gemein ist auch der Anruf beim Ordnungsamt. Der Ahnenschrein mit der Asche der verstorbenen Eltern darf künftig nicht mehr im Garten der Wangs stehen. Als Schutz vor der negativen Energie der deutschen Nachbarn errichten die Einwanderer letztendlich einen Sichtschutzzaun, schließlich, sagt Li, kennen sich die Deutschen mit Mauern ja aus.

          Es wäre kleinlich, dem Film vorzuwerfen, er treibe es mit seiner Klischeefreude zu weit, denn die komödiantische Inszenierung des Clashs der Kulturen funktioniert am allerbesten ohne Tabuschranken. Und das ist hier gelungen.

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