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TV-Kritik: „Mordshunger“ : Mit Vollgas durch die Krimiprovinz

Fährtenerfahren: Britta (Anna Schudt) und ihr Bruder Max (Aurel Manthei) Bild: Willi Weber

Mit vier Folgen hat das ZDF seine humoristische Serie „Mordshunger“ bei den Zuschauern angetestet. Mit „Wilder Westen“ folgt nun der Sprung ins klassische Spielfilmformat. Ob das gutgeht?

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          „Wilder Westen“ heißt das Etablissement auf dem Land, in dem sich dafür bezahlte Mädchen nackig machen, die Ehemänner gierig glotzen und die Ehefrauen nichts davon wissen dürfen. Ein Sündenpfuhl also. Es darf auch niemand wissen, dass Lara dort im Indianerkostüm tanzte, das Halbblut Apanatschi gebend, scheu und großäugig wie weiland die junge Uschi Glas. Lara (Antonia Lingemann) ist erst siebzehn - wenn das herauskommt, ist auch Ben (Stephan Luca), der Besitzer des Clubs dran.

          Nun aber ist die hübsche Lara verschwunden, ihr umgekippter Motorroller liegt im Maisfeld, der Helm hängt bei den Eltern an der Garderobe, und ein paar der bergischen Bauernschädel sind noch ein wenig verstockter als ohnehin schon. Am allerverstocktesten aber sind wie immer die heftigst pubertierenden Teenager, besonders Laras Freundin Kiki (Isabel Bongard). Gut möglich, dass sie etwas weiß. Aber sie sagt nichts. Das Handyvideo mit dem Fußfetischisten zeigt sie auch lieber niemandem.

          Die Schwester mischt sich gerne ein

          Es kann nicht ganz leicht sein, in diesem Klein-Breken bei Gummersbach eine Ermittlung durchzuziehen, wenn alle dichthalten. Kein Mann will im „Wilden Westen“ gewesen sein, niemand will Lara gesehen haben, und doch: Dass einer aus dem Dorf an ihrem Verschwinden beteiligt war, ist so gut wie sicher. Alles tuschelt schon und fühlt sich unwohl, wie immer, wenn eine enge Gemeinschaft aufgestört wird.

          Der örtliche Polizeikommissar Max Janssen (Aurel Manthei) ermittelt sich einen Wolf, doch ohne Ergebnis. Stripclub-Besitzer Ben scheint ihm verdächtig, aber da ist seine Schwester Britta (Anna Schudt) ganz anderer Meinung. Britta ist zwar nur Köchin mit einer Vorliebe für knallgelbe Regenjacken und knallbunte Blumenkleider und betreibt eine Pension, hängt sich aber gern in die Ermittlungen ihres Bruders hinein. Allein möchte man auch keinen von den beiden auf einen Fall loslassen.

          Nur gemeinsam halbwegs überlebensfähig

          Und dann erreicht Laras Eltern eine SMS: Es gehe ihr gut, schreibt sie, macht euch keine Sorgen. Was soll das bedeuten? Ist sie ausgerissen? Etwa um auf die Schauspielschule zu gehen, wie es ihr großer Traum ist? Ein Thema, über das sie sich unentwegt mit ihrem Vater stritt. Die Köchin Britta beschließt jedenfalls, endgültig genug Toast-Hawaii-Testreihen in den Ofen geschoben zu haben, und nimmt sich der Sache an. Nebenbei nimmt sie auch Ben in Augenschein, denn der ist vielleicht doch nicht ganz so zwielichtig, wie alle glauben.

          Max (Aurel Manthei, l.) ermittelt unter Hochdruck, während seine Schwester Britta (Anna Schudt, r.) noch ihre Gourmet-Version des Toast-Hawaii testet.

          Lassen sich die Trendthemen Kulinarik, Landleben und Krimi abendfüllend zusammenbacken? Das ZDF hat seine humoristische Serie „Mordshunger“ erst vorsichtig angetestet, mit vier Folgen von je einer Stunde Länge. Mit „Wilder Westen“ folgt nun der Sprung ins klassische Spielfilmformat. Das hätte entsetzlich schiefgehen können, aber die Geschichte vom Geschwisterpaar, das nach dem Unfalltod der Eltern nur gemeinsam halbwegs überlebensfähig ist, trägt auch weiterhin. Die Sorgfalt, mit der Regisseur Marcus Weiler das Drehbuch von Jörg von Schlebrügge und Mika Kallwass in Szene setzt, reicht bis in die Präsentation der mitunter recht skurrilen Nebenrollen hinein. Das alles wäre aber nichts ohne die Vorstellung, die Aurel Manthei und Anna Schudt als Bruder und Schwester auf Spurensuche geben.

          Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Wilder Westen“ ist ein solider, unterhaltsamer und tatsächlich charmanter Provinzkrimi, mit dem man gut und gern neunzig Minuten verbringen kann. Es empfiehlt sich allerdings, für ausreichend Häppchen auf dem Couchtisch zu sorgen - vor lauter Toast und Ziegenkäse auf dem Bildschirm bekommt man bald selbst Hunger.

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