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TV-Kritik: „Modern Talking“ : Wenn’s irgendwo Geld gibt, ist Dieter Bohlen da

  • -Aktualisiert am

Niemand wollte an ihren Erfolg glauben: Thomas Anders (links) und Dieter Bohlen Bild: RTL

„Die ganze Wahrheit“ über Modern Talking ist, dass es ein neues Best-Of-Album gibt, für das zwei Stunden Werbung in der Primetime von RTL nicht schaden kann.

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          Modern Talking war die einzige Band, die fünfmal in Folge einen Nummer-Eins-Hit schaffte. Die einzigen. Überhaupt. Jemals. Das muss man sich mal vorstellen: Fünfmal in Folge. Nummer Eins. Hat das jemand anders geschafft? Nein. Hat man Dieter Bohlen dafür gebührenden Respekt gezollt? Ach was! „Das wurde überhaupt nicht anerkannt, nirgendwo“, sagt er. „Keiner hat gesagt: 'Boah, ey, der deutsche Exportschlager. Nie hatte vor ihnen ’ne deutsche Band fünfmal ’ne Nummer Eins.'“

          So ungerecht ist die Welt, und Bohlen kann sich über diese Ungerechtigkeit immer noch empören, auch dreißig Jahre und mutmaßlich viele Millionen Euro später.

          Nun könnte man natürlich sagen, dass „Modern Talking“ es damals eigentlich nicht geschafft hat, mit fünf Titeln die Nummer 1 zu erobern, sondern nur mit einem Titel fünfmal, aber das fände Bohlen sicher schon wieder ungerecht. Im übrigen halten das ja andere große Marken auch so: „Es war ein bisschen wie bei Mercedes“, beschreibt er sein Konzept der minimalen musikalischen Variation. „Alles gleich lassen und nur ein paar Sachen ändern.“

          Zum Jubiläum hat RTL Dieter Bohlen und Thomas Anders eine zweistündige Dokumentation geschenkt - wobei: vor allem wohl dem langjährigen Sender-Maskottchen Dieter Bohlen. „30 Jahre Modern Talking - die ganze Wahrheit“ hieß der Film, was nicht bedeutet, dass man irgendetwas Neues erfahren hätte, sondern nur, dass der Einschaltimpuls bei „30 Jahre Modern Talking - man sieht das ja womöglich immer wieder gern“ nicht so groß gewesen wäre.

          Die böse Nora

          All die Hits gibt es noch einmal zu hören, den ganzen Lipgloss, die Fönfrisuren und die Jogginganzüge zu bewundern. Wo Aufnahmen fehlen, greift der Film ausführlich auf eine frühere und historisch offenbar als exakt geltende Dokumentation des Geschehens zurück: den Zeichentrickfilm „Dieter - der Film“ aus dem Jahr 2006.

          In getrennten Interviews erzählen Anders und Bohlen wieder, wie das damals war: Dass niemand an ihren Erfolg glauben wollte. Dass nach dem ersten Erfolg niemand daran glauben wollte, dass das so weitergehen würde. Dass beide total unterschiedlich waren und dass Nora, die damalige Frau von Anders, fast von Anfang an alles kaputt gemacht hat.

          Nora ist die böse Nora, die sie damals und immer war. „Sie hat ihn einfach als ihren Besitz betrachtet“, schimpft der damalige Chef des Plattenlabels heute noch. Und auch wenn sie noch so unerträglich gewesen sein mag, möchte man sie doch fast ein bisschen dafür liebhaben, dass sie immer wieder Sand in diese Gelddruckmaschine warf. Auch jetzt noch sieht man Thomas Anders eine etwas rätselhafte, aber ansteckende Freude an, wenn er erzählt, wie er damals mit ihr kurz vor dem Auftritt in der wichtigsten französischen Abendshow geflohen ist - und dann bei einem zweiten Anlauf, zwei Jahre später, noch einmal. Bohlen trat deshalb mit irgendeinem Anders-Double in der Sendung zum Playback auf.

          Deutsche Schicksale

          Dem Erfolg von Modern Talking in Frankreich soll das erheblichen Abbruch getan haben, was doch irgendwie auch ganz schön ist. Dafür haben die beiden anscheinend – als Vorarbeit für David Hasselhoff – einen wesentlichen Beitrag zum Fall der Mauer geleistet, weil sie im Dienste Gorbatschows in die Sowjetunion reisten und die Russen von den leeren Regalen ablenkten. Sie waren „Opium fürs Volk“, sagt der Sprecher ohne erkennbare Ironie.

          In Deutschland wurden Bohlen und Anders längst ausgepfiffen und mit Biergläsern beschmissen. Bohlen litt dann anscheinend schrecklich unter dem furchtbaren Zwiespalt, eigentlich mit „Modern Talking“ aufhören zu wollen, aber das viele, viele, viele Geld, das sich da noch rauspressen ließ, nicht sausen lassen zu wollen. Er erbrach Blut, „hatte Magengeschwür und ichweißnichtwas. Ich hab mich so gefühlt, als wenn man stirbt.“ Aber abkratzen wollte er wegen Modern Talking nicht. Deutsche Schicksale.

          Penisbruch und Teppichluder

          Es folgten Trennung und weitere unfassbare Erfolge, die Bohlen aufzählen darf und die in Ton und Bild dokumentiert werden: die eigenen Hits mit Blue System, die Kompositionen für Chris Norman (“Damit hatte ich bewiesen, dass ich auch Balladen kann“), die musikalische Komplettverklebung der ZDF-Serie „Rivalen der Rennbahn“ (“Da hatte ich sieben oder acht Titel gleichzeitig in den Charts“). Sowie, neben der Musik: Penisbruch, Teppichluder, Verona Feldbusch.

          Mit dem Comeback Ende der neunziger Jahre kam, zur Betrübnis des Off-Sprechers, „die alte Häme“ zurück: In einem Ausschnitt aus „RTL Samstag Nacht“ gibt Olli Dittrich einen Bohlen, der Thomas Anders keinen noch so winzigen Anteil am Erfolg gönnt, was lustig ist, weil der Bohlen des Jahres 2014 erst wenige Minuten vorher sagte, dass Modern Talking eigentlich nur ein Projekt von ihm und seinem Co-Produzenten Luis Rodrigues sei, während Thomas Anders, naja, das bisschen Gesang.

          Lästige Details der Bandgeschichte, die sich nicht von Bohlen im Abstand von ein bis drei Jahrzehnten selbstironisch wegkommentieren lassen, sind natürlich nicht Teil der „ganzen Wahrheit“ auf RTL: Der Sender weiß, was er seinem Castingshowteilnehmerdemütigungs-Titanen schuldig ist.

          Und der weiß, vermutlich mehr als alles andere, wie man Geld verdient. Die angeblich über zehn Millionen Euro, die für ein Comeback von Modern Talking in diesem Sommer geboten wurden, schlugen Thomas Anders und er zwar aus. (Obwohl die Sendung und ihre Ankündigung sich viel Mühe gab, einen anderen Eindruck zu erwecken – in der Presse-Vorschau fehlte sogar eigens der Schluss.) Aber immerhin hat er sich diese Prime-Time-Show gegönnt, die nicht zuletzt ein langer Werbeclip war für das gerade erschienene neue Best-Of-Album. „Wenn’s irgendwo Geld zu verdienen gibt“, sagt Dieter Bohlen, „ist Dieter da.“

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