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TV-Kritik: Megyn Kelly : Die Versöhnung stinkt zum Himmel

  • -Aktualisiert am

Megyn Kelly im Gespräch mit Donald Trump in der Sendung „Megyn Kelly presents“. Bild: Reuters/Fox

Megyn Kelly gehört zu Amerikas angriffslustigsten politischen Journalistinnen. Nun hat sie ihr Sender Fox News genötigt, vor Donald Trump zu Kreuze zu kriechen.

          Manche feiern sie schon als die neue Diane Sawyer, die Grand Dame des amerikanischen TV-Magazinjournalismus. Aber den Verlauf, den die Karriere von Megyn Kelly seit ihrer sehr öffentlichen Fehde mit Donald Trump nimmt, darf man ruhig seltsam finden. Dass Fox News ihr mit dem Magazin „Megyn Kelly Presents“ eine neue Sendung gab, und dass dort gestern Donald Trump als Premierengast landete, lässt sich durchaus weniger als Aufstieg denn als Verweis auf die Ränge interpretieren. Eine der smartesten politischen Journalistinnen Amerikas genötigt, sich klein zu machen und dem Politiker, den sie mit kritischen Fragen in Bedrängnis gebracht hatte, die Bühne zu bereiten. Die Auseinandersetzung in Argumenten, die Megyn Kelly sonst beherrscht, löste sich in einer Lifestyle-Show auf, die als weitere Gäste den Schauspieler Michael Douglas („Warum lassen ihn die Klatschblätter bloß nicht in Ruhe?“) und den einstigen O.-J.-Simpson-Verteidiger Robert Shapiro präsentierte.

          Das Ganze gehe nicht um sie, hatte Kelly vor der groß angekündigten Sendung mehrfach betont – aber dann schritt sie dramatisch in die Bildmitte und erinnerte an die „langen neun Monate, während derer wir kein Wort gewechselt haben“, bevor die Regie einen Zusammenschnitt des Schlagabtauschs zwischen Kelly und Trump einspielte. Selbstverständlich ging es um sie: den Star von Fox News, der sich mit Donald Trump anlegte, und der sich nun in aller Öffentlichkeit wieder mit ihm vertrug.

          TV-Moderatorin Megyn Kelly bei einer Vorwahldebatte auf Fox News

          Trump gibt sich charmant

          Das Gespräch zwischen Trump und Kelly war eine stark zusammengeschnittene Tour de Force, die von Trumps an Alkoholismus verstorbenem Bruder und seine Lektionen aus zwei Ehen über seine öffentliche Haltung bis hin zu den Beleidigungen reichte, mit denen er seine Konkurrenten und über Monate hinweg Megyn Kelly bedachte. „Auf manches hätte ich verzichten können“, gestand Trump, „aber was hilft es, in der Vergangenheit zu verweilen – man muss ja nach vorn blicken.“ Er gab sich charmant, entschuldigte sich sogar bei Megyn Kelly dafür, sie mehrfach als „Bimbo“ bezeichnet zu haben. „Oje, habe ich das gesagt?“, kicherte er. „Tut mir leid.“ Auf die Frage, wie er selbst mit Beleidigungen umgehe, sagte Trump: „Wenn man mich verletzt, dann verfolge ich denjenigen mit aller Kraft. Um die Verletzung wieder loszuwerden.“

          Megyn Kelly gelang es sogar, Trump eine Art politischer Selbstanalyse abzuringen. Ja, er bedauere einige Dinge, die ihm während seiner Kampagne unterlaufen seien. „Aber hätte ich mich nicht so verhalten, wie ich das getan habe, hätte ich nicht solchen Erfolg gehabt.“ Sollte er nicht Präsident werden, sagte Trump, wäre seine Kampagne „eine einzige Verschwendung von Zeit, Geld und Energie“ gewesen.

          Megyn Kelly pendelte zwischen strahlender Freundlichkeit und der Schärfe, die man bisher in politischen Sendungen von ihr gewohnt war, hin und her: „Sie haben verschiedene Journalisten als ,nicht nett´ bezeichnet. Meinen Sie, es sei die Aufgabe von Journalisten, nett zu Ihnen zu sein?“ Und als Trump sich für die Bezeichnung „Bimbo“ damit rechtfertigte, sie habe sicher schon Schlimmeres aushalten müssen, sagte sie: „Es geht nicht um mich. Es geht um die Botschaft, die bei jungen Mädchen und bei anderen Frauen ankommt.“ Aber am Ende war dies kein politisches Gespräch, sondern der Sensationsauftakt einer Reihe von Promi-Interviews.

          Umfangreiche Recherche und genaue Themenkenntnis

          Unterm Strich bleibt: Megyn Kelly hatte, nachdem sie monatelang hässliche Beleidigungen Trumps über sich ergehen ließ, einen Kotau gemacht und dem Tycoon bei einem persönlichen Besuch im New Yorker Trump Tower Frieden angeboten. Wie sie selbst zugab, hatte Fox News-Chef Roger Ailes sie geschickt. Dass sich ausgerechnet Kelly derart verbiegen lässt, ist bedauerlich. Sie zeichnet sich durch eine umfangreiche Recherche aus und ist auf Themen gut vorbereitet, was man im amerikanischen Fernsehjournalismus oft vermisst. Sie konfrontierte die Kandidaten mit widersprüchlichen oder falschen Aussagen, die sie mit kurzen Videoausschnitten belegte, und ließ sich nicht mit PR-Floskeln abspeisen, sondern beharrte auf einer Antwort.

          Trump hielt das seinerzeit für einen „unfairen“ Angriff. Als Megyn Kelly ihn im vergangenen August mit seinen unflätigen Bemerkungen über Frauen konfrontierte, erklärte er sie zur persona non grata. Und Fox News rang um eine Strategie zum Umgang damit. Als Trump forderte, Kelly vom Moderatorenpodium der Debatte in Iowa Ende Januar zu entfernen, stellte sich der Fox News-Chef Roger Ailes hinter seine Moderatorin – und Trump blieb der Debatte fern, zu seinem eigenen Schaden, wie sich zeigte. Aber viele Kollegen Kellys brachten es nicht fertig, sie zu unterstützen, als Trumps Lager weiter gegen sie schoss.

          Und nun sind Megyn Kelly und Donald Trump plötzlich Kumpels. Sie habe sogar seine Frisur durchwühlen dürfen, sagte Kelly in einer anderen Fox-Sendung und bestätigte, dass Trumps Haar echt sei. Man habe die Unstimmigkeiten ausgeräumt. „Der Mann ist viel komplizierter und widersprüchlicher, als man uns das weismachen möchte.“ Sie verspüre keineswegs das Bedürfnis, Trump niederzumachen, sagte Kelly. Das dürfte dem Publikum von Fox News gefallen. Denn Kelly galt nicht nur Trump, sondern auch vielen seiner Fans und offenbar auch einigen Kollegen beim Sender als fiese Feministin, die einen aus den eigenen Reihen zu Fall bringen will. Trump versprach, seinen Kleinkrieg gegen Kelly einzustellen. „Ich werde damit jetzt aufhören, weil ich unsere Beziehung jetzt mag.“

          Für den Sender Fox News, der sich als Sprachrohr des konservativen Amerika versteht, passt jetzt wieder alles. Für Megyn Kelly steht das Fazit noch aus. Nach der Wahl läuft ihr Vertrag mit Fox News aus. Womöglich ist sie für den politischen Journalismus noch nicht verloren.

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