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Maybrit Illner zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ : Der Moment unter der Treppe

Die Deutung des Weltkriegs geht an eine neue Generation über, der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ liefert dafür eine Vorlage. Im Bild Volker Bruch als Soldat Wilhelm Bild: ZDF / David Slama

Ein Film löst etwas aus: Daniel Cohn-Bendit, Dieter Thomas Heck, Gunther Emmerlich, Franziska Augstein und Katharina Schüttler erzählen bei Maybrit Illner Geschichten vom Krieg.

          Nico Hofmanns Film „Unsere Mütter, Unsere Väter“ handelt von jungen, von normalen Menschen in einer ganz und gar nicht normalen Zeit, in einer Zeit, in der die Perversion herrschende Ideologie und an der Tagesordnung, also „Normalität“ war. Doch anders als sonst sehen wir die Geschichte nicht von einer abgeklärten Perspektive aus oder ex post, sondern mit den Augen von fünf jungen Leuten, die sich 1941 ein letztes Mal treffen, bevor sich ihre Wege trennen. Die Brüder Friedhelm und Wilhelm  müssen an die Ostfront, Charlotte geht als Schwester ins Feldlazarett, Greta träumt von einer Karriere als Sängerin und  der junge Jude Viktor sucht eine Fluchtmöglichkeit aus dem Land, in dem sich ein systematisch geplanter Massenmord vollzieht.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Thema an sich, dem sich am Sonntag eine Sonderausgabe der Talkshow von Maybrit Illner widmete, wäre noch keine Besonderheit gewesen – der Zweite Weltkrieg, die NS-Zeit. Der Zugang war es – die persönliche Erzählung von einer Generation zur nächsten, das also, was in den meisten Familien nicht stattgefunden hat.

          „Ein Kind der Freiheit“

          Dass es schwerlich noch stattfinden kann, das bezeugte die Sendung von Maybrit Illner allein schon durch die Auswahl der Gäste. Die beiden Ältesten – der Sänger Gunther Emmerlich und der Fernsehmoderator Dieter Thomas Heck – waren im Zweiten Weltkrieg noch Kinder. Daniel Cohn-Bendit wurde von seinen Eltern, die vor dem Holocaust nach Frankreich geflohen waren, an dem Tag gezeugt, als die Alliierten in der Normandie landeten. Weshalb er sich ein „Kind der Freiheit“ nennt. Franziska Augsteins Vater, der „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, war Soldat im Zweiten Weltkrieg, ist aber inzwischen auch verstorben. Gunther Emmerlichs Vater ist – aller Wahrscheinlichkeit nach – an der Ostfront gefallen, gesucht hat der Sohn ihn bis in das vergangenen Jahr hinein. Die vergebliche Suche nach dem Vater, glaubt er, sei auch eine Ursache für den Tod seiner Mutter gewesen.

          Bei Maybrit Illner saßen also Söhne, eine Tochter und – eine Enkelin, die Schauspielerin Katharina Schüttler, die in „Unsere Mütter, unsere Väter“ die Greta spielt. Und deren Großmutter ihr kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten ein Buch mitgab, in dem sie Geschehnisse und Erlebnisse aus ihrer Jugend notiert hat.

          Was fehlte, war die Generation, aus deren Perspektive die Geschichte von „Unsere Mütter, unsere Väter“ erzählt wird. Aus dieser leben nun einmal nicht mehr viele, als sie noch zahlreicher waren, kam ein Dialog, wie er sich jetzt noch einmal ergeben kann, nicht zustande. Weil Täter und Opfer gleichermaßen lange Zeit nicht sprechen wollten, merkten Franziska Augstein und Daniel Cohn-Bendit an, und – weil ihnen niemand zuhörte, vor allem den Opfern des NS-Regimes nicht. Und dann gab es noch das psychologische Hemmnis, das da lautete: Warum habe ausgerechnet ich überlebt und so viele andere nicht?

          Das erste Weißbrot

          Das alles ist wahr und wurde in dieser Debatte gleichsam dadurch bestätigt, dass es in Nullkommanichts um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging: um das erste Weißbrot, das Dieter Thomas Heck von einem amerikanischen Soldaten bekam; um die harten Brotränder, die Gunther Emmerlich von den Nachbarn zugesteckt bekam, deren Zähne so verfault waren, dass sie nicht mehr richtig kauen konnten; um das schwangere Pferd, auf dem sich Franziska Augsteins Vater von der Truppe absetzte. Allesamt Anekdoten, die vom großen ganzen Grauen ablenken.

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