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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Flucht in die Realpolitik?

  • -Aktualisiert am

CNN-Korrespondent Frederik Pleitgen Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Welche Folgen hat eine amerikanische Intervention im syrischen Bürgerkrieg? Muss Assad nun doch abtreten? Maybrit Illners Gäste sind sich uneins, ob sich dieser Konflikt durch eine hochgerüstete Supermacht lösen lässt.

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          Die innenpolitische Bilanz Donald Trumps sieht nach 77 Tagen im Amt verhagelt aus. Trumpologen deuten seine sehr emotionale Stellungnahme zum Einsatz von Giftgas als Indiz für eine bevorstehende massive Intervention der Amerikaner. Was gäbe es da zu gewinnen? Was stünde auf dem Spiel? Wer hält den Obersten Befehlshaber davon ab, vor den Zumutungen der Realpolitik in ein Abenteuer zu fliehen? Das Vertrauen in die außen- und sicherheitspolitische Rationalität der amerikanischen Regierung sieht sich auf die Probe gestellt. Die Lage wird überschattet von den Ermittlungen des Kongresses und des FBI zu Russlandkontakten enger Mitarbeiter Trumps. Auch vor diesem Hintergrund wird die Idee einer Flucht nach vorn nicht plausibler.

          Für CNN-Korrespondent Frederik Pleitgen ist noch nicht ausgemacht, wie die neue Regierung tatsächlich außenpolitisch denkt. Er rechnet mit einer anderen Gangart und schließt eine Intervention nicht aus. Ralph Freund, Vize der Überseerepublikaner in Deutschland, glaubt nicht an einen amerikanischen Alleingang. Trump werde zusammen mit den Russen den Druck auf Assad erhöhen. Kanzleramtsminister Peter Altmaier bewertet die amerikanische Außenpolitik besser als noch vor wenigen Wochen. Die russische Haltung zu dem Giftgaseinsatz erinnere ihn an ein ähnlich robustes Verhalten nach dem Abschuss des Flugs MH17 über der Ukraine. Sahra Wagenknecht findet Trumps Auftritt heuchlerisch. Die Vereinigten Staaten seien längst massiv militärisch präsent. Alle Seiten in diesem Bürgerkrieg hätten Kriegsverbrechen begangen. Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, erinnert an Trumps Haltung im Jahr 2013, als er Obama einen „dummen Anführer“ nannte und vor einer amerikanischen Intervention in Syrien warnte. Wichtiger finde er die Versuche der Amerikaner, mit den Russen ins Gespräch zu kommen. Die Vereinigten Staaten würden nicht einseitig und ohne Abstimmung mit Russland in den Krieg intervenieren.

          Die Lage ist komplizierter als gedacht

          Das sieht Ralph Freund ähnlich. Trump brauche die Russen nicht nur im Mittleren Osten, sondern auch für die sich verschärfende Krise um Nordkorea. Peter Altmaier bleibt skeptisch. Die Dinge seien komplizierter als gedacht. Diese Einsicht bewertet er als Fortschritt. Wer wären denn die Bündnispartner einer amerikanischen Intervention in Syrien? Die demokratische Opposition ist weit weg. Die Kombattanten sind zersplittert oder zweifelhafte Islamisten.

          Frau Wagenknecht relativiert den russischen Militäreinsatz in Syrien und erinnert an den  Friedensplan von 2012, der Assad die Gelegenheit für einen eleganten Abgang gegeben hätte. Russland verfolge langfristig eigene Interessen in der Region. Die amerikanischen Interventionen im Irak und in Libyen hätten säkulare Diktaturen gestürzt und zum Zerfall der Länder geführt. Ohne eine seriöse Alternative sei eine Intervention verantwortungslos.

          Trump steckt in einer Zwickmühle

          Ein Neustart der Beziehungen zu Russland aber scheint in weite Ferne zu rücken. Peter Altmaier mahnt, die Rationalität von Interessen im Auge zu behalten und attestiert Trump Lernfähigkeit, er habe erstaunlich schnell den Weg zurück in die klassischen Bahnen der amerikanischen Außenpolitik gefunden. So elegant lässt sich die Lage beschönigen.

          Tatsächlich befindet sich Trump in einer Zwickmühle. Die Ermittlungen des FBI und des Kongresses schwelen vor sich hin, gewinnen ein unkalkulierbares Momentum, binden damit den eigenen Apparat. Seitdem der kurzzeitige Sicherheitsberater Michael Flynn seine Aussagebereitschaft an die Bedingung koppelt, dass ihm Immunität gewährt werde, wittern Beobachter, das mögliche Ausmaß des Skandals könne den Watergate-Skandal übertreffen.

          Elmar Theveßen erwähnt enge Beziehungen zwischen Trumps Firmen und der russischen Mafia.  An den Deals seien auch russische Großbanken beteiligt, die unter der Führung ehemaliger Geheimdienstleute stehen. Das geopolitische Spiel Russlands, Einfluss auf Wahlen nicht nur in Amerika, sondern auch in Frankreich und Deutschland zu nehmen, bewertet Peter Altmaier als Akt hybrider Kriegsführung. Die frisch aufgestellte deutsche Cyber-Truppe muss also zeigen, was sie kann. Ein ehemaliger FBI-Agent hat kürzlich im Kongress berichtet, die russischen Wahlbots hätten sich als Amerikaner aus dem Mittleren Westen getarnt und Hass auf Hillary Clinton und die Demokratische Partei gesät. Wenn diese Vorwürfe erhärtet würden, fänden das auch erklärte Fans von Donald Trump im Mittleren Westen nicht mehr lustig, vermutet Frederik Pleitgen.

          Rüstung kein Ausweg

          Elmar Theveßen hält wenig von den Plänen einer massiven Aufrüstung. Viele Konflikte ließen sich auch durch eine hochgerüstete Supermacht nicht lösen. Langfristig gehe es um die Frage, wie Russland ohne Demütigung wieder auf Augenhöhe mit den Amerikanern auf die Weltbühne zurückgelange. Zu einer Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok aber werde es erst kommen, wenn die Ukraine-Krise gelöst sei, mahnt Peter Altmaier. Als Zeichen des guten Willens hätte er es gut gefunden, wenn das Brandenburger Tor nach dem Terroranschlag in den Farben St. Petersburg beleuchtet worden wäre.

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