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TV-Kritik: Maybrit Illner : Vom Burkaverbot und der Loyalität von Deutsch-Türken

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Maybrit Illner Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Wer soll überhaupt in Deutschland integriert werden? Dass diese Frage auch ein Jahr nach „Wir schaffen das“ noch unbeantwortet ist, wurde bei Maybrit Illner offensichtlich.

          Eines hat die Bundeskanzlerin in einem Jahr zweifellos geschafft: Sie hat völlige Verwirrung gestiftet. Dafür musste man sich gestern Abend nur die Sendung von Maybrit Illner ansehen. Schon der Titel sprach Bände: „Fremd in der neuen Heimat – wer gehört zu Deutschland?" Beide Aussagen sind recht einfach zu beantworten. Dass sich jeder in seiner neuen Heimat erst einmal fremd fühlt, ist nämlich eine Banalität. Und wer zu Deutschland gehört, eindeutig definiert. Jeder deutsche Staatsbürger gehört zu Deutschland, übrigens unabhängig von seinen politischen Überzeugungen und kulturellen Gewohnheiten. Das gilt in gleicher Weise für Menschen, die hier schon lange leben. Oder macht sich etwa jemand ernsthaft über einen in Deutschland geborenen Italiener ohne deutsche Staatsangehörigkeit Gedanken, ob er hier integriert ist? Das ist längst gelebte europäische Integration. Sie kommt sogar ohne Brüssel aus.

          Diese Fragen wären somit in zwei Minuten zu beantworten gewesen. Dafür hätte Frau Illner nicht einmal Gäste einladen müssen. Aber in den übrig gebliebenen 58 Minuten musste sie noch mit sieben Gästen reden. Das Zauberwort hieß „Integration“, und so wurde jedes Thema gestreift, das in den vergangenen Monaten eine Rolle spielte. Es ging um die soziale Lage von Flüchtlingen, die Loyalität von Deutsch-Türken und das Burkaverbot. Das ist nur ein Ausschnitt dessen, was diskutiert worden ist. Jedes dieser Themen reichte für eine eigene Sendung. Aber unter der Flagge namens „Integration“ wird mittlerweile jedes politische Problem angesprochen, selbst wenn es damit nichts zu tun haben sollte.

          Politischer Flüchtling oder Einwanderer?

          So unterstützte der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, wenig überraschend das Burkaverbot. Allerdings ist diese Forderung kaum integrationspolitisch zu diskutieren. Diese Frauen wollen sich schließlich nicht integrieren, sondern bewusst von dieser Gesellschaft abgrenzen. Es betrifft somit das Selbstverständnis eines Rechtsstaates. Wie er das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit definiert und ob er diese Form der selbstgewählten Ausgrenzung dulden will. Darauf kann man konservative und liberale Antworten geben. Die Journalistin Khola Maryam Hübsch betrachtete die Burka als Symbol des „Taliban-Islam“. Sie argumentierte aus einem liberalen Rechtsstaatsverständnis. Integrationspolitisch ist diese Debatte zwar völlig sinnlos, aber rechtspolitisch von grundsätzlicher Bedeutung. Diese Sinnlosigkeit gilt auch für jene reichen Araberinnen, die vollverschleiert Deutschland als Touristinnen besuchen oder sich hier medizinisch behandeln lassen. Niemand will diese Damen hier integrieren, noch nicht einmal sie sich selbst. Sie sind Gäste und sollte man so behandeln, wie es sich gehört. Mit Respekt – und bei Geschäftsleuten mit der Hoffnung auf gute Geschäfte.

          Die reiche Araberin integriert sich zwar mit ihrer Kreditkarte bestens in unser kapitalistisches Wirtschaftssystem. Ansonsten ist es einstweilen noch unbeantwortet, wer überhaupt zu Deutschland gehört. Das liegt nicht zuletzt an der politischen Verwirrung, die die Kanzlerin mit ihrer Grenzöffnung vom vergangenen Jahr auslöste. Die Politik erklärte sich damit de facto als unzuständig, um sie noch zu beantworten. Dafür war der junge Syrer Anas Modamani ein gutes Beispiel. Sein Selfie mit der Kanzlerin ging im vergangenen Jahr um die Welt. Er spricht mittlerweile ein passables Deutsch und lebt in einer Berliner Familie. Modamani will in dieser Gesellschaft ankommen. Das war zu bemerken. Er will seine Familie aus Syrien nachkommen lassen. Wer kann das nicht nachvollziehen? Nur fängt hier das politische Problem an. Es ist völlig unklar geworden, wie man Modamani und seine Familie eigentlich definieren soll. Als politische Flüchtlinge oder Einwanderer? Ein politischer Flüchtling muss sich nicht in diese Gesellschaft integrieren, weil er letztlich dem Heimatland verbunden bleibt. Bei Einwanderung ist aber diese Integrationsbereitschaft voraussetzen, wenn sie für beide Seiten einen Sinn haben soll. Das gilt für die Einwanderer, wie für die sie aufnehmende Gesellschaft.

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