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TV-Kritik: Maybrit Illner : Wohin steuert die Türkei?

  • -Aktualisiert am

Unterstützer der Regierung demonstrieren in Istanbul. Bild: AP

In der Türkei nehmen jeden Tag die Repressionen zu. Wohin führen die Entwicklungen? Darüber wurde bei Maybrit Illner heftig gestritten. Fast wäre es sogar zum Abbruch der Diskussion gekommen.

          Man kann Maybrit Illner zu ihrem Mut gratulieren. Sie nahm das Chaos unentwegten Durcheinanderredens in Kauf, um einige Probleme in den Blick zu rücken. Im Studio stießen kampferprobte Kontrahenten auf einander. Die Fragen lagen auf der Hand: Was wird aus dem  Flüchtlingsdeal? Welche Folgen haben die Massenentlassungen und Verhaftungen? Welche Folgen hat eine Eskalation der innenpolitischen Lage in der Türkei für die in Deutschland lebenden Türken?

          Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der Welt, sieht die Türkei auf dem Weg zu einer totalitären Herrschaft Erdogans. Der AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu bedient sich eines zwiespältigen Lobs und bezeichnet Erdogan als lupenreinen Demokraten. Der Historiker Michael Wolffsohn sieht nach dem Putsch die gleichen Praktiken einer Gleichschaltung am Werk wie 1933 in Deutschland. Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen bezeichnet jede Kooperation mit Erdogan als Verbrechen. Kriminalkommissar Sebastian Fiedler warnt vor Straßenschlachten in Deutschland.

          Leibhaftige Zeugen

          Unerfreulicher könnte die Lage nicht sein. Den Auftakt machen zwei leibhaftige Zeugen des Putschversuchs. Mustafa Yeneroglu begab sich gleich nach den ersten Nachrichten ins Parlament. Dort gab es eine Sondersitzung von knapp 130 Abgeordneten mit Appellen an die ganze Welt, den Putsch zu verurteilen. Die Abgeordneten, erzählt er, seien bereit gewesen, unter den Bombardements zu sterben. Interviews deutscher Fernsehsender zeigten ihn als Davongekommenen, der aber sogleich zur Tagesordnung überging und Erdogans Gospel anstimmte. Ernst Reuters Aufruf an die „Völker der Welt“ funktioniert in der Welt der Sozialmedien weniger heroisch. Mit Facetime ging nicht nur der Staatspräsident auf Sendung.

          Deniz Yücel kann sich die Ironie nicht verkneifen, dass dies der erste Putschversuch der neueren Geschichte sei, über den die Wegzuputschenden als erste informierten. Zumindest dieser Sachverhalt unterstreicht den Dilettantismus der Militärs, auch wenn Michael Wolffsohn ihr Vorgehen nicht so dilettantisch findet. Yücel ging nach ersten TV-Hinweisen auf die Straße, erst zum Taksim-Platz, später zum Flughafen. Am Taksim-Platz hätten Menschen mit den Rücken zu den Soldaten diese gegen einen Mob verteidigt. An anderer Stelle wollte eine wütende Menge von der Polizei festgenommene Soldaten lynchen. Was veranlasst Herrn Yeneroglu dazu, Yücels Aussage zu bestreiten? Es sieht so aus, als ob er mit dem von ihm beschworenen Heroismus der Massen, die sich den Soldaten im Namen der Demokratie in den Weg gestellt haben, einen neuen Gründungsmythos etablieren wollte.

          Yücel erinnert daran, dass die Gülen-Leute in der Justiz noch 2007 und 2008 Strafverfahren gegen führende Offiziere führten. Damals seien Gülen und Erdogan noch Betbrüder gewesen. Inzwischen stünden die Staatsanwälte von damals auf den Fahndungslisten.

          Für CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer treibt die aktuelle Lage Wasser auf seine Mühlen. Alles das, was die CSU seit jeher verkündet, kann er mit noch größerer Inbrunst vortragen. Visafreiheit sei nicht mehr zu haben. Der Parteigeneral übersieht im Eifer seines Sturmangriffs zwei Details: Die europäischen Forderungen an Erdogan lauteten, dass er im Gegenzug für den Flüchtlingsdeal die Terrorgesetze mildert. Davon kann man unter dem verhängten Ausnahmezustand nicht einmal mehr träumen. Die Lage könnte schon bald ganz anders aussehen, wenn Millionen politisch verfolgter türkischer Flüchtlinge ohne Visafreiheit nach Europa kommen. Scheuer kämpft gegen eine Chimäre. Dass Erdogans Türkei keinen Platz in der europäischen Familie habe, ist der alte Film der CSU. Das Programm aber hat am vergangenen Freitag gewechselt. Scheuer wirkt schlecht gebrieft.

          Ausnahmezustand im Hauptstadtstudio

          Mustafa Yeneroglu kämpft an diesem Abend gegen alle anderen Gäste. Das peinigt. Aber das kennzeichnet Erdogans Parteigänger, der in Deutschland lange Zeit Generalsekretär der Milli Görüs  war, eines islamischen Vereins, der mit hunderttausenden von Mitgliedern in Westeuropa präsent ist. Er vergleicht den Ausnahmezustand in der Türkei und die begonnene Gleichschaltung mit der Lage in Deutschland von 1977 während des Terrors der Roten Armee Fraktion. Auf die Idee muss man erst mal kommen.

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