https://www.faz.net/-gsb-8z1ju

TV-Kritik: Maischberger : Abgelehnt und ausgestrahlt

TV-Moderatorin Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über Judenhass in Europa. Bild: WDR

Der Film „Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“, den Arte und WDR nicht senden wollten, sei nun ein „Weltereignis“, sagt Michael Wolffsohn. Das hat, bei allen Mängeln des Stücks, sein Gutes.

          Der Umgang des Westdeutschen Rundfunks mit dem Film „Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“ ist außergewöhnlich. Erst wird der Film abgelehnt, aus formalen Gründen, weil ihn der beauftragende deutsch-französische Sender Arte nicht zeigen will. Dann läuft er doch – im ersten Programm und bei Arte –, angereichert um Texttafeln, die Mängel aufzeigen, und um einen umfangreichen Handapparat im Internet, der neunundzwanzig Punkte aufzählt, die nach Ansicht des WDR falsch oder unvollständig und rechtlich heikel sind. Eingehend beschäftigt hat man sich beim Sender mit dem Film und seinen Autoren allerdings erst, nachdem es eine öffentliche Debatte darüber gegeben hat, warum ein Stück zu einem solch wichtigen Thema nicht läuft. Um das Thema Judenhass sollte es dann auch in der anschließenden Talksendung von Sandra Maischberger gehen. Doch die dringt zum Eigentlichen erst ganz zum Schluss vor.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dass sich der WDR herausgefordert sah, ist verständlich. Dass man den Film in der ursprünglichen Form, die nun zumindest im Internet allerhand Ergänzungen erhielt, nicht zeigen wollte, auch. Denn es handelt sich um eine Polemik, bei der man als Zuschauer an vielen Stellen einhaken möchte. Das beginnt bei der verkürzenden historischen Tour d´horizon zu den Anfängen des Antisemitismus, setzt sich fort im mitunter flapsigen Ton und endet bei etlichen Angaben und Zeugen, deren Hintergrund man gerne genauer benannt bekäme, um sie einordnen zu können – als Israelkritiker oder eben doch als verkappte Antisemiten. Denn so kommen die Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner zwar an ihr Ziel – der Feststellung, dass der Hass auf Juden in Europa zu einem latenten Phänomen geworden ist, das alltäglich zu werden droht. Doch sie reißen bei den Stationen ihrer Argumentation einiges um und machen sich angreifbar, was sich leicht hätte auffangen lassen, hätten sie die eine oder andere Widerrede abgerufen und eingebaut.

          Schönenborn und die Standards des WDR

          So erscheint ihr Film den einen als Propaganda, wie der Journalistin Gemma Pörzgen und Rolf Verleger, ehemals Vorstandsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland. Anderen, wie dem Historiker Michael Wolffsohn, erscheint er als hervorragende Arbeit, welche die Komponenten des gegenwärtigen Antisemitismus in einzigartiger Weise darstelle. Womit der Film durch seine Machart, womit der WDR durch sein Vorgehen, eines erreicht hätte: Es wird über das Thema Judenhass in unserer Gesellschaft gesprochen, und zwar nicht nur über den von rechts.

          Es gelte, die hohen journalistischen Standards des Senders und dessen festes Ringen um Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen, sagt der WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn bei Sandra Maischberger. Dass es ihm und seiner Redaktion darum geht und dass sie beim „Faktencheck“ ganze Arbeit geleistet haben und sich nicht der „Zensur“ bezichtigen lassen wollen, wird man kaum in Abrede stellen. Aber dann wird man auch wieder bei den mehr als zwei Dutzend beanstandeten Punkten solche finden, bei denen die Wertung eine Rolle spielt.

          Bei den Unruhen im Pariser Vorort Sarcelles zum Beispiel, bei denen Synagogen angegriffen wurden, wird vom WDR behauptet, es hätten nicht dreitausend Jugendliche randaliert, wie es im Film heißt, sondern nur wenige hundert. Und es sei in französischen Presseberichten auch erwähnt worden, dass die verbotene Gruppierung „Jewish Defence League“ eine Rolle gespielt habe. Hier ist es schwer, sich aufgrund der Quellenlage ein Bild zu machen. Das trägt zu einem Gesamtergebnis bei, bei dem man nur in einem hundertprozentig sicher sein kann: Der WDR hat alles getan, um zu zeigen, warum der Film so nicht gezeigt werden sollte.

          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Liveblog zu Wahl in Straßburg : „Es lebe Europa!“

          EVP-Fraktion will von der Leyen geschlossen wählen +++ Kandidatin spricht über Klimakrise, Migration und Gleichberechtigung +++ Am Abend stellt sich CDU-Politikerin zur Wahl +++ Mindestens 374 von 747 Stimmen nötig +++ Verfolgen Sie alle Entwicklungen im Liveblog.
          Der Eingriff in die bundesweite Verteilung von Krankenhäusern muss mit chirurgischer Präzision ausgeführt werden – sonst leidet die Versorgungssicherheit vor allem auf dem Land schnell.

          Zu viele Hospitale : Der Patient Deutschland

          Die Deutschen lieben ihr Krankenhaus in direkter Nähe – mag es auch noch so schlecht ausgestattet sein. Daher hat auch die Politik kein Interesse an einem großflächigen Abbau der Hospitäler. Vernünftig ist das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.